Jubiläum verpasst!

Nun ist der Januar schon wieder herum und heute fiel mir ein, dass wir alle vergessen haben, das einjährige Bestehen unserer Initiative gebührend zu feiern. Mit „wir“ meine ich uns alle, also das gesamte Volk. Welche Initiative ich da meine? Na, aber Leute … wenn es um eine Initiative des Volkes geht, wird sie ja sicherlich entsprechend benannt sein: „Volksinitiative“. Wie jetzt? Noch nie davon gehört? Es leider wieder einmal typisch, dass ausgerechnet das Volk nichts davon bemerkt hat …

Gut – man muss vielleicht dazu sagen, dass diese Initiative eigentlich auch nicht direkt vom gesamten Volk stammt, eher nur so von einem Teil, einem recht kleinen sogar … um genau zu sein: Von einem einzelnen Menschen.

Das Ganze klingt nun vielleicht nach einer etwas albernen Nebensächlichkeit, von denen es ja noch genug andere gibt. Umso verwunderlicher ist dabei aber, dass der Initiator – Jürgen Elsässer – eigentlich ein intelligenter Mensch ist. Er hat einige Bücher geschrieben, die ich zwar nicht alle kenne, doch um das beurteilen zu können, reichen mir schon die beiden (2), (3), in denen er den Serbienkrieg analysiert hat. Das scheint ja bereits im kollektiven Vergessen untergegangen zu sein: Serbien, so werden sich einige noch dunkel erinnern – da mussten wir uns leider erstmalig an einem Krieg beteiligen, aber das lag an diesem schlimmen Diktator Milosevic, der die Kosovo-Albaner so brutal unterdrückt hat. Ging nicht anders … wurde ja auch oft genug in den Nachrichten so erklärt. Elsässer war einer der wenigen, der die (anscheinend) tatsächlichen Abläufe recherchierte und beschrieb. Dafür bin ich ihm dankbar. Das erste Buch verlieh ich damals mehreren Leuten (und erhielt es irgendwann nie wieder).

Wenn er nun schon solche Pluspunkte verbuchen kann – muss ich dann so penibel auf einer letztlich nur etwas undurchdachten Namensgebung für seine Organisation herumreiten? Nein, müsste ich tatsächlich nicht. Zumal die Kerngedanken gar nicht so abwegig sind:

Die gegenwärtige Wirtschaftskrise ist auch ein Wirtschaftskrieg: der Angriff des internationalen Finanzkapitals auf den Rest der Welt. Dabei kommen “finanzielle Massenvernichtungswaffen” zum Einsatz, die nicht nur aus der Realwirtschaft, sondern vor allem aus dem fiktiven Kapital des Spekulationscasinos munitioniert sind. Was wir bisher erlebt haben, waren erste Geplänkel mit diesen Waffen – der Hauptstoß steht noch bevor! (…) In allen Staaten, auch in Deutschland, entwickelt sich ein zunehmender Widerspruch zwischen großen Teilen des Finanz- und des Industriekapitals. Ersteres, eng mit den besonders aggressiven Finanzplätzen New York und London verbunden, erdrosselt letzteres in einer Kreditklemme.“ (1)

Wieso dafür aber „der Nationalstaat aktiv werden“ müsse, ist nicht ganz logisch.  „Die Teilnahme an Gremien, in denen das internationale Finanzkapital über seine Vertreter jede Entscheidung blockieren kann (EU, G8, IWF usw.), ist verschenkte Zeit“ – das kann ja sein, aber wenn „eine Koordination der angegriffenen Nationalstaaten“ wichtig sei, dann bedeutet das letztlich, dass diese auch wieder nur ein internationales Gremium für diese Koordination gründen müssten. Dann kann man genauso gut die vorhandenen reformieren. Elsässers Initiative ist irgendwie etwas fragwürdig, genauso wie die Erreichbarkeit ihres zweijährigen Jubiläums.

Nun könnte man die Volksinitiative – da sie praktisch sowieso niemand kennt – wie schon gesagt, als Nebensächlichkeit einstufen. Aber es ist wieder ein trauriges Beispiel dafür, wie albern oder sogar erbärmlich es innerhalb der Linken zugeht, wenn man deren Reaktionen beobachtet. Damit meine ich weniger diejenigen, die als Berufspolitiker in der gleichnamigen Partei gelandet sind und es sozusagen „geschafft“ haben, sondern ich meine den Rest, der sich die Zeit mit dem Verfassen aufrüttelnder Texte vertreibt. Es ist immer wieder unterhaltsam, wenn man sich gelegentlich websites diverser linker Grüppchen ansieht, egal ob das dann unter Antifa, Antideutsche, Antiimps oder sonstigen „Anti“-Zersplitterungen läuft. Eines wird immer schnell sichtbar: Der Hauptfeind steht grundsätzlich in den eigenen Reihen. Alle Beteiligten verfassen ihre kämpferischen Texte, die natürlich nur von ihnen selbst und den verfeindeten Grüppchen oder Einzelschreibern gelesen werden. Und die wiederum analysieren dann sehr penibel, ob nicht irgendwo eine politisch unkorrekte Wortwendung vorkommt: Möglicherweise steht z.B. ein übersehenes „ … hatte man … „, statt dem korrekten „hatte mensch“, oder statt „AktivistInnen“ findet sich vielleicht das frauenverachtende und damit sexistische (und irgendwie auch faschistische)  „Aktivisten“ – dann wird sofort ein aufrüttelnder Text darüber verfasst. So geht der Tag auch rum, alle sind schön beschäftigt und das internationale Finanzkapital kann in Ruhe sein Ding machen.

Elsässer hätte sich als gelernter Linker eigentlich damit auskennen müssen, hat aber trotzdem den unprofessionellen Fehler gemacht, die Wörter „National“ und „Volk“ in seinen Grundsatz-Erklärungen zu verwenden. Das war natürlich der GAU, denn diese Wörter sind ganz klar faschistisch und somit ist er logischerweise nun selbst ein Nazi. Außerdem wurde er bei einer Demo gesehen, die die israelische Kriegspolitik kritisierte, wo auch einige echte Nazis mit hin kamen. Egal, ob man sich davon distanziert, weil die schließlich aus ganz anderen Gründen dort waren (simpler Judenhass), egal. Der Nazi-Vorwurf steht nun. Man sieht – statt die eigene Mindestintelligenz einzusetzen und verbindende Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen, ist unsere revolutionäre Linke lieber schwer mit der Selbst-Zersplitterung beschäftigt. Wenn dem bösen internationalen Finanzkapital von einer Seite keine Gefahr droht, dann ganz bestimmt von links.

(1) Volksinitiative, Grundsätze
(2) Kriegsverbrechen. Die tödlichen Lügen der Bundesregierung und ihre Opfer im Kosovo-Konflikt
       (nicht mehr verlegt, Inhalt ist in überarbeiteter Form in „Kriegslügen“ enthalten) 
(3) Kriegslügen. Vom Kosovokonflikt zum Milosevic-Prozess

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