Coloradio – braucht man heute noch freie Radios?

Kleine Vorbemerkung: Nein, ich will mit diesem Text nicht fordern, Coloradio solle ruhig abgeschafft werden. Ich fände es gut, wenn sie ihre UKW-Frequenz behalten könnten. Aber ich bin auch immer ein Freund davon, Dinge grundsätzlich zu betrachten.

Warum sind Freie Radios und vergleichbare Einrichtungen überhaupt erst entstanden? Es ging bei dieser Idee hauptsächlich nicht darum, dass normale Leute hier auch einmal – wie die Profis – Sendestunden mit ihrer Lieblingsmusik verdudeln könnten. Ein wesentlicher Grund war vielmehr, dass Bürger ein Medium suchten, über das sie eigene Ansichten verbreiten konnten. Doch dieser Grund ist längst hinfällig, da wir inzwischen das Internet haben: Es ist für (fast) jeden zugänglich, kostet vergleichsweise wenig und inzwischen ist es sehr einfach geworden, eigene Inhalte einzustellen. Man hat weniger technische Probleme als beim Radiomachen (Tonqualität, Fehler im Programmablauf, Reichweiten- und Übertragungsprobleme) und es entfallen Leitungs- und Sendekosten. Auch bei dem billigeren Internetradio braucht man noch ein Minimum an Technik und akustischen Voraussetzungen – außerdem fallen Kosten für die Streaming-Provider an. Bei veröffentlichten Texten auf Internetseiten dagegen entfällt all das. Hier ist es auch egal, ob man gesprochenes oder geschriebenes Wort verbreiten will, ob man dies live oder zeitversetzt präsentieren möchte, ob mit Fotos oder sogar mit Video.

Meinungen per Radio verbreiten zu wollen, ist verglichen mit geschriebenem Text sogar ungünstiger:

  • Wenn die Sendung später nicht als Audiodatei abrufbar ist, muss man als Rezipient zum Zeitpunkt ihrer Ausstrahlung Zeit (und Technik) zum Anhören haben.
  • Man muss die ganze Zeit zuhören. Das klingt zunächst nach einem seltsamen Argument, aber es wird schnell plausibel, wenn man ein und denselben Text einmal als gehörten und einmal als gelesenen angeboten bekommt. Geschriebene Texte sind informativer und man kann sie außerdem kritischer auswerten.
    (Da ich beruflich ein Hörfunkstudio betreue, könnte ich diesen Text einfach mal einsprechen und ihn hier zum Vergleich auch mit als Audio-Datei anbieten – siehe Nachtrag)

    Lesen ist für vollständige Inhaltsübermittlung besser geeignet als Hören. Man kann beim Lesen kurze Pausen einlegen, kurz nachdenken, Textstellen ein zweites Mal nachlesen … so wird man selbst eine abrufbare Audiodatei nicht anhören. Beim Lesen gibt es auch keinen vergleichbaren Effekt, der beim Hören auftritt: Dass man etwas überhört. Man kann beim Lesen also z.B. auch dazwischenredende Mitmenschen um sich haben, ohne dass Textinformation verloren geht. (Die einzige Ausnahme, wo Hören besser ist: Beim Autofahren. Weil sich Lesen dort logischerweise ganz verbietet.)
  • Wenn man am Ende des gehörten Textes angekommen ist, hat man die ersten Details des Anfangs vergessen. Bei geschriebenem Text muss man nur noch einmal kurz hochscrollen.
  • Man kann Texte kopieren und sich dadurch mit Zitaten leichter auf andere Quellen beziehen.

Wie entsteht ein inhaltlich gestalteter Radiobeitrag? Man hat zunächst ein Thema, recherchiert und schreibt dann einen Text, den der Sprecher einspricht. Natürlich ist Radiomachen mehr, als nur Informationen zu verbreiten. Aber wenn man den Aspekt in den Vordergrund stellt, dass Inhalte verbreitet werden sollen – dann kann man den ohnehin geschriebenen Text auch im Internet – z.B. in einem Blog – veröffentlichen. Das ist viel einfacher, geht schneller und man erreicht möglicherweise sogar viel mehr Leute. Leser mit Sehbehinderung können sich den Text vom PC vorlesen lassen, da wird es sogar wieder hörbar.

Ich könnte diesen Text also beispielsweise nicht nur einsprechen, sondern ihn nachher noch in unserer Sendeabwicklung platzieren und ihn in einem freien Moment mit senden. Das könnte zur Zeit xy weltweit gehört werden. Ich bezweifle nur, dass es mehr als 4 Leute hören, dass sie wirklich auch zuhören und dass sie das Thema sogar noch interessiert. Veröffentliche ich dagegen hier den schriftlichen Text, dann wird er von Suchmaschinen ausgewertet und indiziert. Somit kann ihn ein Interessent finden, und das jederzeit. Aus der Sicht eines Interessenten ist das bei nur als Audioinformation vorliegenden Radiosendungen genau das Problem: Man kann dort nicht gezielt nach Inhalten suchen, um das interessierende zu finden. Man kann bestenfalls im Programm nachsehen, ob bei einem Sender irgendwann etwas zum gewünschten Themenbereich kommen wird. Bei Podcasts ginge es, aber nur mit ausreichend genauer Beschreibung des Inhaltes. Und wenn der Inhalt so detailliert beschrieben wird (wozu man zwecks Arbeitsvermeidung besser gleich den Sprechertext nehmen könnte), braucht man sich die Datei wiederum kaum noch anzuhören.

Aber – so könnte man einwenden – es gibt doch auch gesprochene Texte, die nicht von einem vorher getippten Text stammen? Ein typischer Fall sind Interviews. Das stimmt. Die müsste man transkribieren, also beim Anhören abtippen. Das kann bei längeren Texten ausufern. Da man sich aber ohnehin  einigermaßen kurz fassen sollte, wird man seinen Hörern oder Lesern nach Möglichkeit nur kurze Kernaussagen der Interviewten anbieten. Und da ich selbst schon Transkribtionen erstellt habe, weiß ich, dass das gar nicht so schlimm ist. Es gibt auch Software, mit der sich das recht angenehm erledigen lässt.

Aber – könnte man weiter einwenden – Radiomachen ist wirklich nicht nur eine Möglichkeit, Inhalte zu vermitteln, sondern bietet auch eine Alternative zu unserem privaten Dudelfunk. Da kann man auch einmal andere Musik hören, als diesen immer gleichen Charts-Einheitsbrei … Könnte man so sehen. Aber selbst da gibt es inzwischen bessere Alternativen. Wenn ich neue Musik hören will, höre ich lastfm.de. Da gibt man ein wenig persönliche Lieblingsmusik vor und der Zufallsgenerator erzeugt mit dieser und hauptsächlich aber anderer (ähnlicher Bands) ein laufendes Programm. Keine nervende Werbung, keine Verkehrsnachrichten, keine mit Musik unterlegten Häppchennachrichten! Perfekt. Und man hört jede Menge neue Sachen.

Und wenn man andersherum die Menschheit mit Informationen über die persönliche Lieblingsmusik beglücken will, gibt’s dafür auch Internetforen, als viel bessere Plattform.

Einige Gründe für Radio wird man sicher auch weiterhin finden. Wenn man sich nur das Programm von DRadio ansieht, findet man schnell welche. Und wie gesagt, ich will weder, dass Coloradio dicht machen soll (die Logik würde unseren eigenen Hörfunkbereich im SAEK ja genauso betreffen), noch will ich Radios allgemein abschaffen. Freie Radios und vergleichbare Einrichtungen können meinetwegen auch weiterhin betrieben werden. Man kann soziale Gründe anführen, Jugendliche können dort journalistische und technische Kenntnisse erwerben und für manche Redakteure darf es gern eine Art Hobby bleiben. Aber die Notwendigkeit Freier Radios darf man heute – angesichts ihrer ursprünglichen Gründe und der aktuellen Mediensituation – mit Recht bezweifeln.

 

(Nachtrag Juli 2011: An dieser Stelle hatte ich ursprünglich diesen geschriebenen Artikel noch zusätzlich als gesprochene Audiodatei abgelegt. Der Artikel wurde inzwischen 77 Mal aufgerufen. Das ist vergleichsweise wenig, aber immerhin. Der anhörbare Text wurde nie aufgerufen, was aus meiner Sicht auch nachvollziehbar ist. Ich habe ihn deshalb entfernt.)

6 Kommentare:

  1. kritik am medium bedarf aber durchaus die beachtung beider seiten! ich bin null-komma-null raidohörer, also ich benutze eigentlich seit der wende gar kein radio mehr, sondern nur noch konserven in jeglicher art und weise, soviel zu meiner motivation darauf zu antworten, aber ich denke, dass es wichtig ist ein breites medienspektrum zu haben und die pluralität selbiger gewahrt bleibt, es sollte nicht so sein, dass alles am medium internet hängt, auch wenn ich da selber von massiv profitiere, möchte ich gern anderen menschen das recht einräumen, nicht so internetaffin zu sein und somit brauchen auch diese menschen eine plattform für, wie du so schön beschrieben hast, eine alternative und pluralistische meinungsäußerung und -bildung

  2. Meinetwegen müssen die noch nicht einmal pluralistisch sein, von mir aus darf ein Sender sogar links sein. Man kann als Außenstehender den Redakteuren schließlich nicht ihre Inhalte anordnen (dann wäre es kein freies Radio mehr). Mir ging es nur um die allgemeine Daseinsberechtigung „klassischer“ Bürgermedien angesichts veränderter Medienbedingungen.

    Ich bin auch kein Verfechter der Theorie, alles müsse ins Netz. Aber wenn ich der Welt etwas mitteilen will, habe ich hier unkompliziertere Möglichkeiten. Ich wüßte gar nicht, warum ich das über einen Radiosender verbreiten sollte?

  3. Ach so, ich sehe gerade, dass ich Deinen „Pluralismus“-Gedanken falsch verstanden habe (ich war vorhin in leichter Hektik).

  4. 😉

    auch ich würde heute kein konventionelles radio mehr betreiben, weil es einfach nicht zu mir passt 😉

  5. Interessantes Hinterfragen, Frank 😉
    Ich denke, dass kommt u.a. dadurch, weil du Radio machst, also in der Materie steckst. Ein wirklich guter Wissenschaftler sollte auch den Sinn, die Grenzen seiner Forschungen hinterfragen, ein Arzt, ein Politiker ebenso usw.

    Diese deiner Sätze würde ich gern herausstellen:
    >Man kann soziale Gründe anführen, Jugendliche können >dort journalistische und technische Kenntnisse erwerben >und für manche Redakteure darf es gern eine Art Hobby >bleiben.

    Darum ging es für mich primär, auch wenn ich ein „etwas älterer Jugendlicher“ war, als ich zum Radiomachen kam 🙂
    Für mich war es neben der Technik vielmehr, die Herausbildung bzw. Förderung eines gewissen Sprach- und Sprechgefühls. Ich fing mit einer Sendung zum Thema „Stottern“ an, weil mich dieses Thema Jahre lang zuvor betraf und noch – anders als früher – betrifft.

    Radiomachen war und ist für mich eine Art der Kommunikationsschulung … kurzum: was sage ich wie und mit welchen Mitteln? Wie wähle ich die Musik aus, wie kombiniere ich dieses und jenes? Wie bringe ich z.B. politische Inhalte so rüber, dass man nicht nach 2 Minuten Hören abschaltet?

    Das Internet bietet da ebenso viele Möglichkeiten und im Grunde viel mehr, weil ich hier Wort, Musik, Bild usw. zusammenführen kann.

    Warum man (ein freies) Radio vielleicht bräuchte, würde ich mal so formulieren: es ist ein Mittel, um Menschen erreichen zu können und sich dabei auf „spielerische Art“ ausprobieren zu können.
    Es geht auch ohne … das ist richtig 🙂

  6. „Ich denke, dass kommt u.a. dadurch, weil du Radio machst“

    Nee – mache ich nicht selber. Ich bin nur für die Funktionsfähigkeit zuständig. Aber das ist vielleicht Haarspalterei meinerseits, zumindest damit zu tun habe ich so natürlich auch.

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