Das Kopftuch-Thema nervt allmählich…

Heute früh beim Lesen der RSS-Neuigkeiten wollte ich nur kurz auf einen Kommentar antworten. Es wurde dann aber ein längerer Text. Da ich ihn nun schon einmal verfasst habe und mich das Thema sowieso gelegentlich beschäftigt hat, kann ich den Text eigentlich auch hier mit einstellen. Inhaltlich ging es um den Prozess gegen Alex W., der Frau  al-Sherbini erstochen hat. Derjenige, dem ich antwortete, meinte, man müsse ja auch nicht bei jeder Beleidigung gleich vor Gericht ziehen, denn da hätten die Gerichte viel zu tun. Weiterhin schrieb er noch, negative Einstellungen gegenüber Muslimen seien leider normal: „ Die Leute in den öffentlichen Verkehrsmitteln zeigen merkwürdigste Reaktionen, wenn eine Frau mit Kopftuch oder gar in Burka den Bus oder die Bahn betritt.“

Meine Bemerkung dazu (leicht überarbeitet):

Es stimmt, dass man nicht wegen jeder Kleinigkeit vor Gericht ziehen muss. Aber man hat durchaus das Recht, sich bei einer Beleidigung zu verteidigen. Und wenn diese Beleidigung für Frau al-Sherbini keine Kleinigkeit, sondern so schwerwiegend war (was ich nachvollziehen kann), war es nun einmal ihr Recht, sich so zu verhalten. Dass die Sache derart nach hinten losgeht, weil der Typ so reagiert, konnte ja nun wirklich niemand voraussehen.

Andererseits möchte ich mich als Dresdner gegen diese ständigen Pauschalverurteilungen wehren, hier seien alle latent ausländerfeindlich. Einige sind das durchaus, aber ich behaupte mal, dass die meisten Menschen untereinander ganz gut miteinander klarkommen und relativ nett zueinander sind. Wieso erwarten überhaupt manche Leute, dass alle Einwanderer von der Bevölkerung überschwänglich willkommen geheißen oder dauernd nett angelächelt werden müssten? Das passiert selbst einem Deutschen nicht, der aus Pirna nach Dresden umzieht. Er wird nach dem Umzug von 50% seiner neuen Nachbarn wahrscheinlich ganz normal weiter ignoriert werden. Mit einigen wird er sich anfreunden und statistisch gesehen auch mit einigen anfeinden. Eine völlig normale Sache. Manchmal ist es ganz sinnvoll, die Dinge im Umkehrschluss zu betrachten: Wenn ich selbst in ein beliebiges Land auswandern würde, müsste ich schon damit rechnen, dass dort möglicherweise keiner in Jubel ausbricht. Die meisten der Einheimischen werden sich neutral verhalten und vielleicht wird mir auch einmal einer andeuten, dass er ganz gut ohne mich klar käme. Vielleicht wird er mich mal als „Scheiß-Deutscher“ beschimpfen, weil er schlecht drauf ist. Könnte vorkommen. Einen gewissen Anteil von Dummen (die sich gleichmäßig über den Globus verteilen) sollte man vor dem Auswandern vielleicht mit einplanen. Mit diesem Satz will ich hier lebende Nazis nicht verharmlosen, aber ganz grundlegend kann man es einfach auch einmal so betrachten.

Und noch zum Thema „manche Leute gucken komisch, wenn eine Frau mit Kopftuch oder gar mit Burka in der Öffentlichkeit auftaucht“: Von mir aus kann sich jeder kleiden, wie er mag. Von mir aus dürfen sich Männer und Frauen auch Kopftücher umbinden (habe ich als Mann bei mehrtägigen Wander- oder Paddeltouren  auch schon gemacht). Aber man wird ja als Ungläubiger oder Atheist noch sagen dürfen, dass es langsam doch nervt, wenn ein simples Kleidungsstück dauernd mit Religion begründet wird. Und dass immer so ein Wert darauf gelegt wird, es unbedingt tragen zu müssen. Gott alias Allah (und welche Namen wir dieser rein theoretischen Figur sonst noch gegeben haben) hat so etwas nie verlangt. Das haben sich Menschen – genauer gesagt: Männer – ausgedacht. Warum trugen manche Frauen ursprünglich Kopftuch? Aus denselben Gründen, wie es auch eine deutsche Bäuerin auf dem Feld oder ein Outdoor-Typ beim Wandern macht: Aus simplen hygienischen Gründen. Damit beim Aufenthalt in der Natur, wo immer mal Staub oder Sand herum geweht wird, die Haare nicht ständig so schnell dreckig werden. Die Länder, aus denen der Islam stammt, enthalten viele trockene Wüstengebiete, wo man sich auch aus Gründen des Wassermangels nicht jeden Tag die Haare waschen konnte. Diese Situation ist aber innerhalb von mitteleuropäischen Städten nicht vorhanden. Also muss hier weder der Wanderer, noch die deutsche Bäuerin und eigentlich auch nicht die zugewanderte Muslimin ein Kopftuch tragen.

Und insofern sollte eine Frau, die trotzdem auf ihr – angeblich erforderliches – Kopftuch beharrt, die genervten Blicke einiger Mitmenschen besser vorausschauend einplanen und sich nicht darüber beschweren. Sie kann es tragen – ist ihr gutes Recht – aber die anderen dürfen da hinsehen – das ist deren Recht. Das ist nun mal die Kehrseite von Freiheit: Auch potentielle Kritiker haben das Recht auf Meinungsfreiheit. Ein allgemeines Kopftuchverbot fände ich übrigens übertrieben und genauso unüberlegt.

Abschließend: Burka. Ein Bekannter, der in Afghanistan war, hat eine solche mitgebracht. Und ich habe mir das Ding einmal testweise übergezogen. Und dabei stellte ich fest, dass hier jegliche Toleranz bei mir zu Ende war. Ich und auch alle anwesenden anderen Personen (Männer wie Frauen) empfanden den Zustand unter diesem übergestülpten Sack als beängstigend bis pervers. Was soll dieser Scheiß? Damit andere Männer keine lüsternen Blicke auf die Frau werfen, soll diese sich im Haus oder unter der Burka verbergen? Tolle Logik. Sollten die Männer dann nicht besser an sich selbst arbeiten, um ihren anscheinend so permanenten Sextrieb in den Griff zu bekommen? Denn anscheinend geht es ja, wie das Leben in Mittel- und Westeuropa zeigt. Wie halbnackt da manche Damen im Sommer herumlaufen … . Und? Werden sie deshalb aller 100 Meter vergewaltigt? Nein. Weil sich Männer durchaus auch benehmen können. Wenn manche muslimische Frauen trotzdem auch in Europa von Männern zur Burka gezwungen werden, ist das schlimm. Wenn sie es von sich aus tun, weil sie Angst vor religiösen Konsequenzen haben, ist das auch tragisch. Aber wenn eine Frau sich freiwillig diesen Sack überstülpt und das noch mit Stolz auf ihre Religion begründet, hat das mit Intelligenz nichts mehr zu tun. Denn mit Logik hat die Verhaltensweise „Ich bin stolz auf etwas – also verstecke ich mich!“ nichts zu tun. Abgesehen davon kann man ohnehin nicht auf Dinge stolz sein, die man selbst gar nicht beeinflussen konnte*. Die Blicke anderer Menschen sollte die Burka-Trägerin dann schon als harmlose Mindestreaktion einstufen. Toleranz hat auch Grenzen. Alles zu tolerieren, führt zu Beliebigkeit und bedeutet, dass der Alles-Tolerierende lediglich nicht in der Lage ist, selbst zu denken.

(* Ich kann stolz darauf sein, ein guter Pianist geworden zu sein, einen tollen Fahrrad-Trick zu beherrschen oder gut Papierflieger basteln zu können. Also auf Dinge, an denen man lange trainieren musste. Aber ich kann nicht stolz auf die Mitgliedschaft in einer bestimmten Menschengruppe sein, wenn ich da – ohne eigene Entscheidungsmöglichkeit – hineingeboren wurde. Es ist also unlogisch, stolz darauf sein zu wollen, Deutscher, Sachse, Mann, blond oder eben muslimisch zu sein. Als Ausnahme würde ich gelten lassen: Wenn man sich selbst nach ausführlicher Entscheidung im Erwachsenenalter dazu entschlossen hat, in einer Gemeinschaft Mitglied zu werden. Also in irgend einer Form religiös zu werden. Oder daraus auszutreten. Da letzteres würde mehr Standhaftigkeit und Mut erfordert, könnte man darauf sogar eher stolz sein also auf einen leichten Beitritt.)

2 Kommentare:

  1. Ich glaube, da versteht jemand etwas vollkommen falsch. Du bist anscheinend für eine allgemeine Freiheit und doch gegen eine Freiheit des Individuums anzuziehen was er will.
    Wer behauptet denn, dass die Frau die sich diesen „Sack“ überstülpt, Angst vor religiösen Konsequenzen oder unter Zwang von einem Mann steht?
    Kann es nicht ebenso gut sein, dass sie sich einfach an ihren Gott nähern will?
    Und wenn sie sich nun mal auf diese Art und Weise nähern will, ist das ja wohl ihre Sache und nicht die derjenigen die den „Sack“ beängstigend bis pervers finden.
    Das ist eine Sache der Anschauung und der Kultur, denn ich würde so einiges verwetten, dass die Damen die hier halbnackt im Sommer herumlaufen im Orient ebenso beängstigend bis pervers empfunden werden würden.

    Auch wenn es schwer vorstellbar ist, kann es nicht sein, dass sie sich in diesem Ding nun mal wohl fühlt? Und dann? Darf sie sich etwa nicht mehr wohlfühlen? Das ist ebenso als würde jemand ausgeleierte, schlabbrige, unansehliche Jogginghosen anziehen, weil er sich nun mal wohl darin fühlt.
    Natürlich wird man begafft wenn man eine Kultur „schockt“ sozusagen, indem man ein Stück seiner eigenen mitnimmt und die Blicke sind auch normal, wenn auch nicht besonders nett.
    Aber was soll dann Mindestreaktion heißen?! Soll eine Burka-Trägerin Schläge, Spucke und Schimpfworte auf ihren harmlosen Gang zum Supermarkt oder ihre Fahrt zum Shoppingcenter einrechnen?
    Ich glaube eher, dass die Gesellschaft die Burka-Trägerin zum Haus verdonnert, denn ich kann mir vorstellen, wenn ich bei jedem Schritt ausgelacht, geschubst, angeglotzt werde und das als Mindestreaktion einrechnen muss- naja, ich würd dann auch nicht mehr aus dem Haus gehen.
    Das ist ein unglaubliches Ultimatum. Denk mal drüber nach:
    Scheiß auf die Sachen in denen du dich wohlfühlst oder bleib daheim sonst mobben wir dich öffentlich?
    Wow, wo sind wir nur hingekommen.

  2. (Zitate kursiv): Ich glaube, da versteht jemand etwas vollkommen falsch.

    Aber Du verstehst es?

    Du bist anscheinend für eine allgemeine Freiheit und doch gegen eine Freiheit des Individuums anzuziehen was er will.

    Habe ich nicht ausdrücklich geschrieben: „Von mir aus kann sich jeder kleiden, wie er mag“?

    Kann es nicht ebenso gut sein, dass sie sich einfach an ihren Gott nähern will?

    Entschuldigung, aber das ist ausgemachter Schwachsinn und zeigt dass der/die Betreffende noch nie über das Wesen Gottes nachgedacht hat. Wenn Gott allgegenwärtig ist, benötige ich keine spezielle Kleidung um mich Gott anzunähern. Außerdem ist Gott (aufgrund seiner Allgegenwärtigkeit) sowieso bereits bei mir – egal, wo ich hingehe und was ich dabei angezogen habe. Man kann aber durchaus eine spezielle Kleidung tragen, um zu zeigen, dass man einer bestimmten Glaubensrichtung angehört. Allerdings wäre es schön, wenn man darunter überhaupt noch zu erkennen ist. Insofern gibt es da auch einen Unterschied zu katholischen Nonnen: Man erkennt noch, dass beispielsweise Schwester Claudia entgegenkommt.

    Und wenn sie sich nun mal auf diese Art und Weise nähern will, ist das ja wohl ihre Sache und nicht die derjenigen die den “Sack” beängstigend bis pervers finden. Das ist eine Sache der Anschauung und der Kultur (…)

    Man wird sich ja wohl noch einmal gegenseitig (interkulturell) auf Denkfehler hinweisen dürfen, zum Beispiel auf übertriebene Rituale, die fälschlich religiös begründet sind. Und mit „eine Sache der Anschauung und Kultur“ kann man auch nicht immer alles entschuldigen, beispielsweise würde man es ansonsten heute noch normal finden, dass (um ein neutrales Beispiel zu wählen) olympische Wettkämpfe völlig selbstverständlich mit Toten und Schwerverletzten enden.

    Auch wenn es schwer vorstellbar ist, kann es nicht sein, dass sie sich in diesem Ding nun mal wohl fühlt?

    Gegenfrage: Kann es sein, dass sich ein DDR-Grenzsoldat in seiner Felduniform aus rein praktischen Aspekten im Tagesverlauf wohl gefühlt hat, obwohl er nie zur Armee wollte und zum Tragen der Uniform gezwungen wurde?
    Burka-Trägerinnen tragen das also völlig freiwillig, ohne jeglichen Zwang? Das haben sich die Frauen früher selbst so ausgedacht, weil sie entdeckten, wie herrlich wohl man sich darunter fühlt und weil das so praktisch ist … da hat nie ein Mann mit hineingeredet … Na klar!

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