Der Energieerhaltungssatz – ein kommunales Problem

Vor dem heutigen Betreten des Studios warf ich zufälligerweise einen Blick in unsere Auslage von Flyern und sonstigen Werbeheftchen. Wenn man jeden Tag daran vorbei geht, sieht man irgendwann kaum noch dahin, doch heute fielen mir einige Karten auf, die „Raumreinigung“ anpriesen. Raumreinigung ist ja eines unserer zentralen Probleme, deshalb wurde ich sofort hellwach und las genauer: „Energetische RAUMreinigung“ stand da. Ach so, dachte ich, nur wieder dieser Feng Shui-Spaß …

Über so etwas kann man nun denken, was man will. Sicher kann es geschehen, dass man sich in einem Raum wohler fühlt, wenn man die Einrichtung anders ordnet, aber das mit Energieflüssen begründen zu wollen … Doch meinetwegen darf man das gern tun. Logisch denkende Menschen mit naturwissenschaftlichem Grundwissen haben dann ihren Spaß an den Esoterikern, die das ernst nehmen. Und die wiederum fühlen sich auch gut, weil sie ja durch das Belächelt-werden das Gefühl bekommen, mit ihrem transzendentalen Geheimwissen der gemeinen Masse voraus zu sein. Denn jener sind diese höheren Empfindungen ja lediglich nicht zugänglichen. Alle sind zufrieden und haben ihren Spaß. Soweit, so gut.

2009-10-30_energetikJedenfalls nahm ich mir eine der Karten dann vor und las weiter. Die durchführende Dipl.-Psychologin Susanne Lüderitz wurde also im Laufe ihrer Arbeit immer mehr zu energetischer Heil- und Reinigungsarbeit für Räume und Orte hingeführt und meint, besonders Städten, die im Krieg sehr zu leiden hatten, täte diese Arbeit gut.

Das Beste fand sich auf der Rückseite der Karte:

Der November ist ein passender Zeitpunkt, um die Spuren der Vergangenheit zu heilen und Räume zu reinigen. Besonders in Städten, die im Krieg sehr zu leiden hatten.

In dem Seminar erfahren Sie alles, was nötig ist, um selbstständig Raumreinigungen durchführen zu können.

Bei ausreichend großer Teilnehmerzahl wagen wir uns an die Reinigung von Stadtteilen.

So ein Mist, dachte ich, da war also mein eigener Versuch im Juni doch falsch, als ich zumindest unseren Server-Raum energetisch reinigen wollte! November ist also besser … Jedenfalls möchte ich die Sache hiermit auch etwas bekannter machen, denn wichtig ist ja eine hohe Teilnehmerzahl wegen der Stadtteilreinigung. Das mit der energetischen Reinigung ganzer Stadtteile würde mich schon sehr interessieren, also wie man da zum Beispiel konkret mit den Händen wedeln muss, um die Energien zu vertreiben. Ich war mir nur etwas unschlüssig: Macht sich hier am Ende nur jemand einen Jux und verarscht Leute? Aber andererseits wird doch kaum jemand dafür extra Geld ausgeben und professionelle Werbekarten drucken lassen? Oder (ich bin ja durch die Erfahrungen der letzen 15 Jahre vorgewarnt) steckt am Ende wieder ein Kunstprojekt dahinter? Da begibt man sich sehr schnell aufs Glatteis. Erst am Montag habe ich eine Kunstaktion namens „Unsichtbares Theater“ kennengelernt, die zwar auf simples (aber natürlich fördermittelgestütztes) Auf-der-Straße-Leute-verarschen hinauslief, wie man es auch von Wigald Boning kennt (bei ihm allerdings professioneller umgesetzt) … das schloss ich dann aber aus. Ich denke, das ist schon ernst gemeint.

Tja … da bietet also ein erwachsener Mensch allen Ernstes Seminare zur Reinigung ganzer Stadtteile von schlechten Energien an, die noch aus dem letzten Krieg stammen. Da fragt man sich, ob die Epoche der Aufklärung möglicherweise doch etwas spurlos an der Menschheit vorbeigegangen ist? Wobei: Bedenklicher wäre eher, wenn sich tatsächlich Interessierte an dem Seminar anmelden, und ich habe da so den Verdacht … Der Pychologin kann man ja noch zugute halten, dass sie von irgendetwas leben muss und lediglich vorhandene Marktlücken ausnutzt. Blödheit schafft eben auch Arbeitsplätze.

Wer damals in der Schule diese Sache mit dem Energieerhaltungssatz nicht ganz verstanden hat – hier erklärt Frau Lüderitz es noch einmal recht anschaulich.

5 Kommentare:

  1. Also, das scheint hier nach dem Muster zu laufen, wenn ich was nicht verstehe, müssen die anderen nicht ganz richtig im Kopf sein, oder?

    Sich Fragen zu stellen, wie sich das entwickelt hat und welche Gründe es gibt, diese Arbeit anzubieten und darüber nachzudenken hieße, zu riskieren, den eigenen Horizont zu erweitern. Energien sind eben nicht nur eine Domäne der Physik, so wie man das mal in der Schule gelernt hat. Dieses Nachdenken aber würde aber evtl. Veränderung und Umstrukturierung der bisherigen Wissensbestände bedeuten und macht Arbeit.

    Die anderen als unverständlich = blöd abzuqualifizieren scheint da offensichtlich schnell der bequemere Weg zu sein.

  2. Das Angebot ist nicht unverständlich. Es ist zu gut verständlich. Deshalb wird es ja auf die Schippe genommen. 

    Adäquat wäre die Bezahlung dieser Leistungen mit virtuellem Geld: Das sind bunte Papierstreifen mit »wirtschaftlich-energetischer Aufladung«. Um Ihre Argumentation aufzugreifen: Geld gehört nicht in die Domäne der Wirtschaftswissenschaft. Erweitern Sie Ihren Horizont. Strukturieren Sie Ihren Wissensbestand um! Denken Sie ganz neu über Geld nach 😉

    Meinen Vorschlag als (Zitat) »unverständlich = blöd abzuqualifizieren« wäre offensichtlich der bequemere Weg. Aber ich versichere Ihnen: Mit »wirtschaftlich-energetischer Aufladung« wird Ihr Konto immer gut gefüllt sein.

  3. Frau Lüderitz, Sie haben damals, als Ihre Karten bei uns im Haus auslagen, bei vielen Anwesenden für viel Spaß und angeregte Gespräche gesorgt. Ich habe mich hier noch vergleichsweise nett ausgedrückt. Eine der Karten hängt bei uns immer noch an einer öffentlich zugänglichen Pinnwand und zaubert stets ein Lächeln ins Gesicht der Leser. Und das ist ja auch gut so, denn wahrscheinlich sind das die positiven Energien, die sich physikalisch nicht nachweisen lassen.

    Ich bin durchaus immer daran interessiert, meinen Horizont zu erweitern. Allerdings mache ich das lieber auf Gebieten, wo sich die Dinge auch halbwegs logisch erklären bzw. nachweisen lassen. Alles, was (auch nur entfernt) mit Esoterik zu tun hat, steht leider auf meiner „Abgelehnt“-Liste.

  4. @stefanolix: Lass das mit der „wirtschaftlich-energetischer Aufladung“ mal keine Banker oder Euroretter hören! Die denken sich glatt noch so ein Finanzprodukt aus 🙂

  5. Ich fände das sehr praktisch: Man könnte mit solchem Geld z. B. auch Homöopathie, Mondwasser, magische Halbedelsteine oder den Schutz vor Erdstrahlen und Elektrosmog bezahlen. Es gäbe dann zwei Geldkreisläufe 😉

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