Umstieg auf Atomkraft

Ja, das habe ich nun endlich auch erledigt. Diese Umstellung auf Atom. Denn immer wieder beschwerten sich unsere Studionutzer, die Rechner wären so langsam. Ich meinte dann stets, sie sollten sich nicht so haben – vor 10 Jahren mussten wir noch mit 300 MHz-Rechnern Videoschnitt machen und waren damit auch zufrieden! Dass es überhaupt ging. Und immerhin waren die aktuellen PCs schon mindestens 800 MHz schnell. Außerdem haben langsam wandernde Fortschrittsbalken auch etwas Beruhigendes an sich. Man findet dadurch auch einmal Momente, um sich mit anderen Anwesenden zu unterhalten, was gerade in unserer ach-so-schnelllebigen Zeit besonders wertvoll ist.

Aber letzte Woche musste ich mich selbst einmal an einen der vier Plätze setzen und merkte bald, dass es doch eine gewisse Zumutung war! Also wurden schleunigst neue Computer gekauft. Dass es nicht die teuersten wurden, lag weniger am Sparwahn, sondern an unserem ausgeprägten Klimaschutz-Bewusstsein. Denn ich wählte PCs mit diesen Intel Atom-CPUs, die angeblich so stromsparend sind. Eigentlich sind sie ja nur für Netbooks gedacht, aber man kann auch komplette PCs damit kaufen, die dann erstaunlich billig ausfallen. Ach nein – „billig“ sagt man ja nicht, also muss es korrekt „preiswert“ heißen. 175 € pro Rechner. Ich war mir erst nicht sicher, ob die Dinger wirklich ausreichen, aber inzwischen hat sich gezeigt, dass sie alle praxisrelevanten Aufgaben problemlos und ausreichend flink erledigen: Internet gucken, Office-Anwendungen, DVD-Wiedergabe und Audioschnitt funktionieren bestens bei immer noch geringer Prozessorauslastung. Als ich in die Gehäuse sah, entdeckte ich: Unendliche Weiten. Da ist kaum noch etwas drin außer einem winzigen Mainboard. Auf dem Prozessor werkelte ein kleiner Lüfter, der in anderen Computern bestenfalls den Chipsatz kühlt. Und als ich die Beschreibung genauer ansah, bemerkte ich, dass dies auch der Chipsatz war. Der eigentliche Prozessor steckte unscheinbar daneben unter einem noch kleineren passiven Kühlkörperchen. Seitdem frage ich mich, wozu man eigentlich schnellere Rechner braucht. Okay, für Videoschnitt und fürs Hardcore-Gaming. Aber ansonsten?

Jedenfalls waren unseren Studionutzer begeistert. Vor allem unsere jüngeren Mitglieder freuten sich, dass sie ihre wichtigen YouTube-Videos nun viel schneller ansehen können. Damit sie nun nicht gleich denken, ich will ihnen einen Gefallen tun, hatte ich natürlich bereits vorher ausgleichende Gegenmaßnahmen eingeleitet. Denn ich kann es nicht ausstehen, wenn Erwachsene sich bei Jugendlichen anbiedern. Ein wenig Distanz muss schon bleiben. Deshalb können sie – quasi als Gegenpol – nun keine ihrer geliebten portable Programme mehr ausführen. Was man mit Gruppenrichtlinien nicht alles anrichten kann! Eigentlich habe ich ihnen das nie übel genommen, das lief für mich immer unter „Jugend forscht“. Jugendliche müssen ja auch einmal etwas austesten können. Aber auch Techniker testen dann gelegentlich etwas aus! Und für mich ist das ja auch nur ein Probelauf gewesen, den ich nun jederzeit mit wenigen Mausklicks gewissen anderen Leuten gegenüber anwenden kann, denen ich das wirklich übel nehme …

Übrigens hielt sich die Freude wegen der neuen PCs nicht lange. Heute Nachmittag rief Harald an und meinte, er würde gleich mit der Band „Polarkreis 18“ ins Studio kommen, um ein Interview aufzunehmen. Insofern schwenkte die Begeisterung der Jungen schnell um: „Was ernsthaft? Polarkreis 18?“ wurde ich mit leuchtenden Augen gelöchert, „stimmt das auch wirklich“ usw. Es kam dann zwar nur einer von der Band, aber das reichte ihnen bereits.

Jetzt muss ich mir etwas Neues einfallen lassen, um das wieder zu toppen.

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