2. Geburtstag

So, bald haben wir es geschafft. Am 24.01. wird in einem Diskussionsforum ein thread zwei Jahre alt. Das muss man erst einmal schaffen! Ein Thema solange am Leben zu erhalten. Sicher – es gibt auch andere Foren mit threads, die nach Jahren immer einmal wieder mit einem neuen Beitrag gefüllt werden. Z.B. wird bei Themen wie „wo finde ich den Download der Software X“ bei jedem jährlichen Update natürlich wieder einmal jemand einen aktualisierten Eintrag verfassen. Aber wo gibt es ein Forum, bei dem praktisch jeden Tag meist mehrere neue Einträge kamen? Und das zwei Jahre lang? Ein Ende ist noch nicht abzusehen. Das ist doch sicher auch einmal etwas fürs Guinness-Buch!

Es handelt sich um das Thema „Keine UNESCO-Diktatur im Elbtal!“ im Forum der DNN. Also, ich hätte es etwas zurückhaltender benannt, aber der Autor gehört auch zu den Hardlinern der Gegner unserer heißgeliebten Waldschlößchenbrücke. Ich bin erst ein Jahr später dort mit eingestiegen. Es hat sich dann bei mir zu einer täglichen Angewohnheit entwickelt, nicht nur Heise, Telepolis und Glasauge lesen, sondern auch dieses Forum zu verfolgen. Und natürlich auch ab und zu etwas zu schreiben.

Früher haben die Leute einfach eine zünftige Kneipen-Schlägerei begonnen, wenn sie Aggressionen abbauen wollten. Heute gibt es die dezentere Art, sich in Internetforen mit verbalen Mitteln fertig zu machen. Darin sehe ich einen deutlichen Fortschritt in der Entwicklung der Menschheit – es fließt weniger Blut und Schweiß, die Krankenkassen werden entlastet, außerdem verbessert man seine Kenntnisse der Rechtschreibung und des Satzbaues. Schließlich will man nicht allzu ungebildet erscheinen. Und man lernt neue Leute kennen, wenn auch nur virtuell. Zum Beispiel den belesenen und humorvollen FGönther. Oder Marvin, der zwar gern Haare spaltet aber ansonsten einen sympathischen Eindruck macht. Oder natürlich Herr May, der den thread gestartet hat. Er verfasst gern Einträge mit zunächst nachvollziehbar klingendem Inhalt. Interessanterweise hängt er dann gern einen letzten Absatz mit an, der aus etwas unentspannt klingenden Hasstiraden gegen „Gutmenschen, Ökostalinisten, -faschisten, linke Nestbeschmutzer“ usw. besteht. Damit reißt er regelmäßig mit dem Arsch wieder ein, was er gerade vorn aufgebaut hat. Geht bei mir meist nach hinten los. Im Leppersdorf-thread standen wir beide dann auch einmal auf den Gegen-Positionen. Aber man kennt die Eigenart aller anderen inzwischen und hat sich aneinander gewöhnt. Letztlich geht es eigentlich auch vergleichsweise nett und familiär zu bei uns, zumindest wenn man den durchschnittlichen Tonfall mit dem anderer Politik-Foren vergleicht.

Wer mir persönlich sehr ans Herz gewachsen ist: Silvia, unsere Expertin für alles. Was die alles erklären kann … es ist unglaublich. Geologie, Strömungsverhalten von Grundwasser, alles was mit Bautechnik zu tun hat, besonders aber Tunnelbau, Verhalten der Fledermäuse und Feldgrillen, Paarungsrufe der Bienen, Fotografie, Verkehrsprognostizierung … eigentlich alles. Gut, einige Details sind manchmal nicht ganz richtig, was bei einigen Forenteilnehmern schon mal zu entnervten Reaktionen geführt hat, aber sie hat auch schöne Theorien entwickelt. Die aus meiner Sicht kreativste war das mit den tschechischen Ozeandampfern. In Kurzfassung: Die Brückengegner wollen bekanntlich statt Brücke einen Tunnel. Beim Nachdenken über diesen zeigten sich aber verschiedene Probleme. Zum Beispiel, dass er tiefer liegen müsste, als von Tunnelfreunden gedacht. Was an der Forderung des Wasser- und Schifffahrtsamtes lag, er müsse mindestens 3,5 Meter unter dem Flussgrund liegen. Und daraus konstruierte Silvia die herzerfrischende Idee, der solle nur deshalb so tief verlegt werden, damit man die Elbe später entsprechend vertiefen könne. So wie in Hamburg. Weil die Tschechen hier mit ihren Ozeandampfern durch wollen. Die Tschechen? Ja, die Tschechen. Weil die bekanntlich die größte Seefahrernation der Welt sind. Diese und andere Sachen waren stets ernst gemeint. Und es war immer aussichtslos, Silvia ihre deutlichsten Irrtümer erklären zu wollen. Auf die Ozeandampfer habe ich letztlich folgendermaßen reagiert. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich Silvia gern mal kennen lernen würde. Einfach um zu erleben, was sich hinter dem Namen für ein Mensch verbirgt. Aber anschließend dachte ich stets: Besser nicht! Wahrscheinlich ist das so eine Hypersensible, mit der man es im realen Leben keine 10 Minuten aushalten würde. Jedenfalls hatten aus meiner Erfahrung ernsthafte Diskussionsversuche mit ihr keinen Sinn, weshalb ich mich stilistisch irgendwann auf Ironie und Sarkasmus verlegte. Hier mal ein kleiner best-of-Auszug meiner Antworten auf die Dame: Silvia und die Bienen, Silvia und die Fotografen, ein Tunnel ist auch Brücke, Silvia hat irgendwie Recht

Was machen wir nur, wenn das Thema mit dieser Brücke irgendwann endgültig abgehakt ist? Letztlich ist es das ja längst. Uns Forenteilnehmern wird auf jeden Fall etwas fehlen. Hoffentlich gibt es bald eine neue Provinzposse mit Streitpotential!

Heute habe ich diesem Herrn Friedemann argumentativ noch ordentlich eine reingewürgt. Wie gesagt, Aggressionsabbau und so. Erwähnte ich eigentlich schon, dass mir mein Therapeut die Schreibarbeit dort überhaupt erst empfohlen hatte?

Mit copy and paste wären wir längst fertig gewesen!

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