Wem gehört der 13. Februar?

Glücklicherweise hat Dresden endlich wieder ein ordentliches Streitthema. Das letzte scheint ja praktisch abgehakt zu sein. Diesmal geht es um: Wie verhalte ich mich korrekt antifaschistisch? Denn es sorgt momentan bei uns etwas für Verwirrung, dass sich die CDU nicht an der Anti-Rechts-Demo „Geh Denken!“ beteiligen will, und stattdessen zu einer eigenen aufruft.

Es gab mal eine Zeit, da gingen manche Dresdner abends am 13. Februar an die Ruine der Frauenkirche und stellten sich schweigend oder zumindest leise mit ein paar Kerzen dort hin, um der Bombardierung Dresdens zu gedenken. Das war freiwillig – niemand rief dazu auf, man konnte da hin gehen oder auch nicht, man war kein schlechter Mensch, wenn man zu Hause blieb. Es wurden keine Reden gehalten, es gab keine Organisatoren. Für uns Jüngere, die 1945 glücklicherweise nicht erlebt hatten, verband sich das meist mit grundsätzlichen antimilitaristischen Gedanken, für Ältere sicher eher mit echten Erinnerungen.

Seit der Wiedervereinigung ist das ganz anders. Seitdem gab es jedes Jahr Leute, die sich „Initiatoren“ nannten, die dazu aufriefen, dorthin zu kommen. Gerade so, als wäre es nötig gewesen, die Leute zu „initiieren“. Normalerweise wären die schon von sich aus gekommen, allerdings schienen sich dann immer mehr zu sagen, dass ihnen dieser Zirkus zuwider sei. Verschiedene Organisationen versuchten in den folgenden Jahren, diese Demonstrations-Marktlücke zu besetzen. Klar – das das ist nun mal so in der Marktwirtschaft. Es wurden immer mehr und wichtigere Reden gehalten, bedeutende Menschen traten auf Tribünen, ohne die man vorher bestens auskam. Wichtig wurde auch, dass der Sound stimmte. Es wurde schließlich immer lauter.

Ja und seit einigen Jahren versuchen das nun auch Neonazis für sich zu okkupieren. Aus deren Sicht ist es sogar nachvollziehbar. Die wären schön blöd, wenn sie diesen Tag hier nicht für ihre Ideen* ausnutzen würden. (*Ich weiß – dieses Wort wirkt in Verbindung mit diesen Personen etwas deplatziert, aber ich lasse es mal so stehen.) Jedenfalls bietet sich das für diese auch auf dem Kopf gutrasierten Menschen einfach an. Damit sie noch viel machtvoller gedenken können, haben die Kollegen der NPD und ihren Anhängseln den 13. Februar 2009 zunächst schon einmal auf den 14. verlegt, weil der ein Sonnabend ist und man da noch mehr Kameraden aus ganz Deutschland ankarren kann. Also haben auch die Organisatoren der Gegendemo ihre auf diesen Tag verlegt. Auch sie rufen deutschlandweit zur Teilnahme auf. Insofern könnte man glatt einmal wieder am 13. abends vor die Frauenkirche gehen, denn das habe ich nun schon seit Jahren nicht mehr gemacht. Man hätte dort vielleicht seine Ruhe, aber darum geht es schon längst nicht mehr.

Und deshalb nun der aktuelle Streit: Die CDU will bei der Gegen-Rechts-Demo nicht mitmachen. Das wirkt schon etwas seltsam. Was ist ihnen daran so unangenehm? Liegt es daran, dass Gysi eine Rede halten will? Soll er doch reden, da reden ja viele. Dass die „Toten Hosen“ eventuell auftreten sollen? Letzteres könnte ich verstehen, denn Musikliebhabern wie mir wäre diese Sauflieder-Band etwas unangenehm, aber was spricht gegen Gysi? Der ist doch bei den LINKEN, und mit denen arbeitet die Dresdner CDU eigentlich recht gut zusammen. Sicher – in der Öffentlichkeit muss man immer mal so tun, als sei das der Erzfeind, aber muss man deshalb gleich so übers Ziel hinaus schießen?

Wieso die CDU in Dresden so gut mit der LINKEN zusammenarbeitet? Das machen diese beiden (inzwischen eigentlich drei) Parteien einfach so. Schon lange. Zumindest, soweit es um die gemeinsame Aufteilung von Posten geht. Da funktioniert alles bestens, man verträgt sich prima und findet schnell und effektiv Lösungen. Vor unserer kürzlichen OB-Wahl gab es eine Veranstaltung, die von Dresden Fernsehen gemeinsam mit der SZ durchgeführt wurde. Dort stellten sich alle OB-Kandidaten vor. Und dort äußerte F. Boltz etwas Interessantes: Das eigentlich Bedenkliche an der OB-Wahl sei ja, dass die Besetzung der Fachbürgermeisterposten längst ausgehandelt sei. Egal, wer OB wird. Es gäbe, meinte er, seit Jahren eine gut funktionierende Zusammenarbeit zwischen CDU und PDS, was die Besetzung von Posten betrifft. Die Fachbürgermeister seien längst ausgehandelt zwischen CDU und der LINKEN, erklärte Boltz. Ob das wahr sei, fragte der Moderator in die Runde. Daraufhin kam von Orosz und Sühl* sehr aussagekräftiges Schweigen. (*Wer den schon nicht mehr kennt: LINKE). Was er dazu sagen würde, wurde Lames (SPD) gefragt. Ja, das sei wirklich so. Und das Schlimme, so sagte er, sei ja, dass die SPD auch diesmal wieder nicht mit dabei wäre. Also, er hatte nichts gegen das Prinzip an sich, sondern nur dagegen etwas einzuwenden, dass seine Partei nicht mitspielen durfte. Ich erinnerte mich in dem Moment an meine Erfahrungen Mitte der 90er, als ich solche Effekte zumindest im Jugendhilfeausschuss auch selbst beobachtete. Da herrschte zwischen CDU/FDP- und PDS-Vertretern auch erstaunlich viel Übereinkunft, solange es um die Aufteilung und Besetzung von Pöstchen ging.

Na gut, aber was hat das eigentlich mit dem vorliegenden Fall zu tun? Hier geht es schließlich nicht um heimliche Absprachen bei der Machtaufteilung, sondern um die eigene Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Wer ist der bessere Antifaschist? LINKE oder CDU? Da muss man sich schon einmal voneinander abgrenzen. Die Dresdner CDU hat deshalb auch sofort eine Presseerklärung* veröffentlicht, in der Herr Rohwer die LINKE und – wo er schon mal dabei war – auch noch den DGB als „Feinde der Demokratie“ bezeichnet. Diese Anfeindung soll aber nur in der Öffentlichkeit so ankommen, also bei uns. Ansonsten kommen die schon miteinander klar – nicht dass sich nun jemand Sorgen um die betreffenden Leute macht und deswegen nicht mehr schlafen kann.

(Nachtrag: nicht mehr online)

Wie macht man es nun aber richtig? Zu welcher Demo soll man als guter Dresdner gehen? Sollte man die Rechten einfach einmal komplett ignorieren? Das wurde schon oft vorgeschlagen und würde die vielleicht am meisten ärgern. Das ist aber auch die Lösung für Faule, die nachher so ihren gemütlichen Fernsehabend noch politisch begründen können. Soll man zu „Geh Denken!“ gehen, deren Initiatoren hier auch ein Großaufgebot heran organisieren wollen? Wo man eine gute Kulisse für die wichtigen Redner ergibt? Soll man zur Demo der CDU gehen, die angeblich ein stilles Gedenken will? Einer der beiden Organisatoren wird nachher sagen: „Wir hatten aber dreihundert Demonstranten mehr! Wir waren besser!“ Sollte man das durch seine Teilnahme noch unterstützen oder es als notwendiges Übel einstufen?

Ich weiß es nicht. Leicht Ratlos,
Frank

8 Kommentare:

  1. …Du hast mir aus dem Herzen gesprochen(geschrieben). Ich gehöre zu Denjenigen, welche in ihrer jugendlichen Sturm und Drang Phase mit Kerzen vor der Ruine gestanden haben. Gut beobachtet natürlich. Ich gehöre zu Denjenigen, die den Aufnäher „Schwerter zu Pflugschar“ auf der Jacke hatten und dafür fast von der Penne geflogen sind. Ich gehöre zu Denjenigen, welche 1989 friedlich mit demonstrierten und sich dann aber distanzierten, als die ersten Molotowcocktails am Hauptbahnhof geworfen wurden. Ich gehöre zu Denjenigen, die schon mehrfach am 13.Februar mit Kerzen auf der Albertbrücke und dem Theaterplatz standen. Und ich gehöre zu Denjenigen, die jetzt genau so ratlos sind und sich von dem ganzen Kommerz der Demonstrationen distanzieren. Ist das richtig, ich weiß es so wenig wie Du. Aber es geht mir auf die Nerven. War es in der Weimarer Republik vielleicht ähnlich? Die Frage ist ketzerisch, aber für mich steht sie. Beantworten kann sie mir Niemand – die Generation lebt nicht mehr und in den Geschichtsbüchern wird es so nicht stehen. Oder wird man einfach zu bequem?

  2. @CK: Ich bin Jahrgang 1967 und habe auch vieles von dem erlebt, was Du beschrieben hast.

    Mit der Weimarer Republik kann man es meiner Meinung nach überhaupt nicht vergleichen. Die Weimarer Republik scheiterte wenige Jahre nach dem I. Weltkrieg, in wirklich dramatischen wirtschaftlichen Krisen, in einer Führungskrise, in einer Krise der Demokratie und in einer Atmosphäre des Nationalchauvinismus.

    Heute liegt der II.Weltkrieg viele Jahrzehnte zurück, die Krisen sind zum Glück bei weitem nicht so schlimm, die Führung des Landes ist gefestigt, die Demokratie ist stabil und Deutschland ist in EU bzw. NATO fest in Bündnisse eingebunden. Wir haben mit allen Nachbarstaaten nicht nur formal Frieden, sondern gute Beziehungen. Deshalb bleiben Recht- und Linksextreme in der Minderheit, deshalb können Extremisten Deutschland nicht wieder unter eine Diktatur bringen.

  3. @Frank: Die Beschreibung aus 2008 zeigt aber auch, dass wir zumindest einen kleinen Schritt weiter sind. Es gibt einen gemeinsamen Aufruf der Demokraten und es gibt die berechtigte Hoffnung auf viele Teilnehmer.

  4. @ CK: Ob man das mit den Zuständen in der Weimarer Republik vergleichen kann? Glaube ich eher auch nicht. Ich kenne die Beschreibung dieser Zeit (logischerweise) zwar nur aus Texten, aber das schien ja eher von permanenter völliger Handlungsunfähigkeit aller Parteien, ständigem Streit und dauernden Neuwahlen geprägt zu sein. Über die Handlungsfähigkeit unserer Parlamente kann man sich zwar gelegentlich durchaus so seine Gedanken machen, aber das scheint damals schon noch eine Dimension drastischer gewesen zu sein – es spielte sich ja auch vor dem Hintergrund des verlorenen 1. Weltkrieges und der damit verbundenen schlechten Lage Deutschlands ab. Aber da kann ich nicht wirklich mitreden – mit der Weimarer Republik kenne ich mich zu wenig aus. Das letzte, was ich darüber gelesen habe, war dieses Buch (worin aber mehr die Ursachen für Hitlers anfängliche Erfolge analysiert werden).

    Einen „Schwerter zu Pflugscharen“- Aufnäher hatte ich natürlich auch (selbstverständlich selbst gemalt). Eine kleine (aber aus meiner Sicht interessante) Fußnote der Geschichte: Kürzlich entdeckte ich, dass es in der Bibel auch eine entgegengesetzte Aussage gibt: „Macht aus euren Pflugscharen Schwerter und aus euren Sicheln Spieße!“ (Joel 4.10)

    @ Stefan: Ja, das ist schon mal ein kleiner Fortschritt. Wie ich sehe, stehen diesmal sogar alle Parteien mit auf der Liste – hätte ich nicht erwartet! Hat sich etwa die LINKE von der MLPD distanziert, wie es die FDP immer forderte?

  5. Nachtrag: Irgendwie scheint sich zumindest die Dresdner LINKE nicht so sehr mit der Aktion von Fr. Orosz zu identifizieren. Auf ihrer Internetseite http://www.dielinke-dresden.de/ findet man keinen Hinweis auf die Existenz einer Menschenkette. Dafür aber Hinweise auf:

    – Dresden-nazifrei (was freilich nicht verboten ist)
    http://www.bringzwei.com/ (was also wieder den Demonstrationstourismus fördert)
    – die Veranstaltung Buchvorstellung und Diskussion„Opfermythos Dresden – Die kollektive Unschuld?“
    Gunnar Schubert zerlegt den „Great Dresden Swindle“ in seine Bestandteile und stellt die einzelnen Lügen den Tatsachen gegenüber. In einem historischen Abriss über Dresden im Nationalsozialismus widerlegt er den Mythos von der unschuldigen Stadt.

  6. Die Fraktion der LINKEn im Stadtrat hat aber den Aufruf unterschrieben. Und darum geht es ja schließlich: dass (bis auf zwei Rechtsradikale) alle gewählten Stadträte und die gewählte Oberbürgermeisterin dahinterstehen.

  7. “ Kürzlich entdeckte ich, dass es in der Bibel auch eine entgegengesetzte Aussage gibt: „Macht aus euren Pflugscharen Schwerter und aus euren Sicheln Spieße!“ (Joel 4.10)“ – das DAS die damaligen Genossen nicht entdeckt hatten, nun ja, steht ja in der Bibel 😆 . Wusste ich aber auch nicht. Das hätte ja unsere Diskussionen beim Direktor erheblich verändert!

  8. Das Alte Testament enthält eine große Ansammlung von Kriegsberichten und es enthält auch blutrünstige Geschichten, die als Film eigentlich erst ab 18 zugelassen sein dürften.

    Aber das war natürlich in der Zeit vor Christus. Also ergibt sich für einen Christen in einer Diskussion beim Direktor kein Widerspruch 😉

    Außerdem hatten die Bonzen und Ideologen in der DDR sowieso fast keine Ahnung von der Bibel, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen. Die hätten das Zitat aus Joel gar nicht gefunden.

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