Ich prangere an! Heute: Politisches Desinteresse

Was ich etwas schade finde ist, dass wir auf Arbeit so ein unpolitisches Team sind. Da können die weltpolitisch bedeutendsten Dinge geschehen – bei uns verliert kaum einer ein Wort dazu. Erst vor wenigen Wochen gab es beispielsweise diesen schlimmen Vorfall in Österreich, wo ein berühmter Politiker seinen tödlichen Unfall hatte. Rechts von der Fahrbahn abgekommen. Ausgerechnet Jörg Haider. Und nur, weil ihn ein Schild abgelenkt hatte, mit so einer komischen Zahl drin. Ist doch klar, dass das ablenkt. Unser Bundestiefseeminister wollte ja im Sommerloch gegen überflüssige Verkehrsschilder vorgehen – dort in Österreich hätte er mal damit beginnen sollen! Dabei fuhr der Herr Haider extra schnell, denn er wollte sein krankes Mütterchen besuchen. Er hatte sogar Alkohol mit, es war fast wie im Märchen. Und dann sowas. „So ein feiner Mensch“, wie manche Österreicher unter Tränen sagten.

Da hätten wir nun wirklich einmal eine Schweigeminute einlegen können! Aber nein. Während der Heimfahrt nach der Arbeit fiel mir dann ein, was ich schon den ganzen Tag ansprechen wollte. Doch nun war es zu spät. Wir hatten einfach wieder nur den ganzen Tag durchgearbeitet. Obwohl … Schweigeminute? Ich und mein Raumteiler Micha sagen eigentlich nicht viel. Meistens schweigen wir stundenlang. Früh wird „hellooo!“ und nachmittags „mach’s gut, bis morgen!“ gesagt, aber zwischendurch herrscht eine angenehme Stille bei uns im Zimmer, nur unterbrochen von leisem Klicken (Maus), lautem Hämmern (Tastatur) und gelegentlichen Telefonaten. Ach so, und natürlich den üblichen Sätzen wie: „Was macht er denn jetzt?“, „Ach los jetzt, komm“, „Scheißding“, und so, aber das sind dann immer Zwiesprachen mit der EDV. Jedenfalls, so rein vom Lärmpegel her hätten wir sicher die eine oder sogar viele Schweigeminuten abrechnen können. Aber ist das bewusst gelebte Politik? Ich glaube, nein.

Ja, und heute nun wieder dasselbe, nur unter anderem Vorzeichen. Da hat nun der erste schwarze Kandidat in den USA gewonnen (laut Zeitungsformulierungen darf man anscheinend wieder „Schwarzer“ statt „Farbiger“ sagen) und da hätten wir doch wenigstens einmal eine Jubelminute durchführen können? Aber nein, es wurde stur irgendwelcher Alltagskram erledigt. Dabei ist das doch eine wichtige Sache, denn Obama hatte ja ausdrücklich gesagt: „Change we must“, also „wechseln wir müssen“, oder so. Und nun wird sich bestimmt vieles ändern. Ich bin ganz sicher, dass Obama wenigstens folgendes ändern wird:

– Faule Kredite in der Finanzwirtschaft werden nicht mehr geduldet. Moralische Leitfäden für den Kapitalismus werden durchgesetzt.
– Der 11. September wird endlich aufgeklärt. Bush hatte ja persönlich die Ermittlungen gestoppt mit der Begründung, das würde nur zu viel Personal vom Kampf gegen den Internationalen Terrorismus © abziehen.
– Der paranoide Terrorismuswahn wird überhaupt abgeschafft. Es hat ja nun wirklich nicht so viele Terrorfälle in den USA gegeben, weshalb auch die Behörde Homeland Security aufgelöst und der Patriot Act rückgangig gemacht wird.
– Viel mehr Tote als durch Terroristen hat es in den USA durch Schusswaffen gegeben. Obama wird also endlich das Waffengesetz ändern.
– Obama wird der erste Präsident seit langem sein, der keine Kriege führt. Auch nicht gegen Länder, in denen die Leute unentspannt reagieren, wenn Karikaturen aus Dänemark veröffentlicht werden. Auch nicht gegen den Iran, obwohl doch die Logistik schon fertig ist.
– Er wird ohnehin umgehend das Militär aus dem Irak und Afghanistan abziehen, sich bei diesen Ländern entschuldigen und den Militäretat der USA wieder kürzen.
– Obama wird schönes Wetter für alle machen.

Falls das jemand falsch versteht: Wie jedem Gutmenschen ist natürlich auch mir Obama lieber als einer aus dem Umfeld der Falken bzw. der NeoCons wie dieser McCain. Aber wer sich einbildet, Obama würde wirklich etwas anders machen … ich erwarte das nicht. Zumindest den Iran werden sie erst einmal wie geplant angreifen.

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