Aus dem Kulturtagebuch: Stockhausen

Wo ich definitiv nicht hingehen werde, sind die Stockhausen-Aufführungen, jetzt am 10. und 11. Oktober. In Hellerau spielt man „Michaels Reise“ – das ist der Teil „Donnerstag“ aus Stockhausens Zyklus „Licht“. Ich habe bereits „Freitag“ erlebt und das war für mich damals mehr als ernüchternd. Es muss 1996 herum gewesen sein – ich arbeitete gerade in der Medienwerkstatt – als wir einen Auftrag erhielten, in Leipzig Stockhausens Aufführung zu filmen. Das war für mich eine tolle Sache. Stockhausen live erleben zu dürfen! Denn der Meister würde persönlich anwesend sein. Der große Avantgardist der 12-Ton- und der seriellen Musik, von dem ich sogar eine CD zu Hause hatte. Ok, die hörte ich mir nicht jeden Tag an, aber immerhin. Also, ich war wirklich ehrlich interessiert. Als wir dort ankamen, ließen wir uns zunächst von jemandem die Handlung erläutern. Das ging schnell, weshalb ich dann auch fragte: „Wie? Soll das schon alles sein? Ist das nicht etwas dürftig?“ Naja… hm… stimmt schon, aber es ist immerhin von Stockhausen. Was mich aber eigentlich bestürzte, war das Ende. Sollte das wirklich so gemeint sein? Ist das nicht eigentlich… ? Ja, hm, aber wie gesagt – es ist immerhin von Stockhausen.

Das Publikum bestand sichtbar aus sehr durchgeistigt wirkenden Menschen, die wahrscheinlich bereits zum Frühstück Arnold Schönbergs „Gurre-Liedern“ im Kulturradio lauschen, ansonsten aber in ihrem ganzen Leben noch nie einen Synthesizer gehört hatten. Deutet sich hier eine gewisse Intellektuellen-Feindlichkeit in meinem Text an? Ich gebe zu, an dem Abend das erste Mal so etwas bei mir gespürt zu haben. Jedenfalls wirkten die Besucher so, als hätten sie noch nie allgemein bekannte elektronische U-Musik gehört, meinetwegen wenigstens Jean-Michel Jarre. An Frank Zappa wage ich da gar nicht zu denken. Was erlebte das Publikum an dem Abend? Ein großartiges Bühnenbild, phantasievolle Kostüme und eine tolle Choreografie der Tänzer. Allerdings war das alles auch nicht auf Stockhausens Mist gewachsen. Von ihm kamen die Musik und die Handlung der Oper. Die Musik war für jemanden wie mich, der mit elektronischer Musik groß geworden ist, einfach nur belangloses Synthie-Geblubber. Nichts weiter. Ich bin normalerweise vorsichtig, das erste Mal nur live gehörte Musik sofort beurteilen zu wollen. Live überhört man einiges, ich musste mich dort außerdem auf die Kameraführung konzentrieren. Trotzdem war da nichts Interessantes zu hören. Für das Publikum waren elektronische Klänge an sich wahrscheinlich völlig neu, und dann kamen die nun von Stockhausen – da musste es ja gut sein. Elektronisch erzeugte Klänge! Was es nicht alles gibt! Die Handlung jedenfalls bot sich für das Publikum folgendermaßen dar: Da tauchen nach und nach verschiedene phantasievoll kostümierte Gestalten auf, immer paarweise. Der Zyklus „Licht“ behandelte die Schöpfungsgeschichte, „Freitag“ ist der Tag, an dem die Tiere geschaffen wurden. Jedenfalls sieht man immer mehr Paare zueinander gehöriger Lebewesen auf der Bühne, nach einer Weile besuchen die sich aber auch untereinander und geben sich lustvoll miteinander ab. Später erscheinen andere Lebewesen, die wirken etwas missgestaltet und traurig. Besuchern erschloss sich nicht, was das sollte. Nun, das waren die Missbildungen, die durch die Vermischung der Arten und Rassen entstanden. Ach so! Ganz zum Schluss stand etwas auf der Bühne, das aussah wie eine Art Kerzenflamme, aber vielleicht sollte es auch eine Art Raumschiff sein, denn es führten Treppen hinein, wahrscheinlich war das nur wieder so ein kreativer Einfall des Meisters, eine richtige Handlung war ja die ganze Zeit nicht erkennbar. Dann gingen die missgestalteten Figuren da hinein, es wurde sehr hell und dann waren sie weg. Ein tolles audiovisuelles Erlebnis. Es muss ja nicht immer alles eine erkennbare Aussage haben. Vielleicht waren sie mit der Rakete ins Weltall geflogen?

Die Handlung war aber folgende: Die Missgeburten verbrannten in der reinigenden Flamme.

Das ist jetzt keine Erfindung von mir, sondern wurde mir vorher so erklärt. Und wenn man das wusste, war es sehr deutlich. Ich bin nun wirklich nicht der Typ, der immer gleich mit der Nazi-Keule kommt, aber wenn DAS nicht faschistisch war, wie weit soll man die Messlatte dann noch verschieben? Ich will nun noch nicht einmal sagen, dass Stockhausen ein Nazi war, aber da ich ihn ja auch während der Vorbereitung an dem Abend erlebte, bekam ich eher das Gefühl: Das ist der buchstäblich weltentrückte Intellektuelle, der in seinem Elfenbeinturm lebt und von der schnöden Welt schon längst nichts mehr bemerkt. Was er sich ausdenkt ist automatisch korrekt und Maßstab für andere. Der würde einfach gar nicht auf die Idee kommen, dass etwas an seinen Eingebungen falsch sein könne. Insofern hat mich dann auch einige Jahre später seine Äußerung zum 11. September nicht verwundert, als er behauptete, diese Anschläge seien das größte Kunstwerk gewesen, was es je gegeben hat. Diese Äußerung hat er angeblich nie zurück genommen, was mir aus seiner Sicht klar ist.

An dem bewussten Abend ist jedenfalls für mich jemand vom Sockel gefallen. Das Publikum fand es aber großartig. Nur einer rief lautstark „Buh!“, aber bei dem war ich mir nicht sicher, ob er nicht extra deswegen dahin gekommen war. Hätte ich die Aktion damals nicht mit erlebt, würde ich nun vielleicht nach Hellerau fahren wollen. Da ich „Freitag“ aber kenne und vom „Donnerstag“ deshalb nicht viel mehr erwarte, hatte ich nur kurz den Einfall, dass man dann wenigstens hinfahren könne, um nachher „Buh!“ zu rufen. Lohnt sich allerdings nicht, denn Stockhausen lebt nicht mehr und es wäre auch eine idiotische Art, seine Zeit zu verbringen.

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