Wo wollen wir noch sitzen?

Da ich häufig im Elbtal unterwegs bin, ärgere ich mich jedesmal aufs Neue: Alles kaputt, alles zerstört. Hier zwei Beispiele:

Die einmaligen Dresdner Elbauen. Sinnlos zerstört.

Die einmaligen Dresdner Elbauen. Sinnlos zerstört.

Vor der Elbinsel in Pillnitz. Alles kaputt. Die Welt blickt zu Recht mit Abscheu auf uns.

Vor der Elbinsel in Pillnitz. Alles kaputt. Die Welt blickt zu Recht mit Abscheu auf uns.

Wegen des Baus der Waldschlößchenbrücke verliert das gesamte Elbtal seine besondere Qualität. Ich könnte mich aufregen! Doch ich habe dafür keine Zeit, denn ich muss ja bloggen. Ja, gut: Man könnte fragen, was ich nur hätte? Es sei doch alles noch da, wie man auf den Bildern sieht. Aber darum geht es nicht, denn wie jeder moderne Mensch beziehe ich meine Haltung schließlich aus den Medien. Und aus diesen weiß ich, dass der Landschaftsraum durch den Bau der Brücke nun mal irreversibel beschädigt wird. Was interessiert mich da eine Realität?

In den letzten Wochen waren Presse und Fernsehen in der Beziehung sehr hilfreich bei der Meinungsbildung. Die Sächsische Zeitung – die von einigen Nörglern längst wieder als „Parteiorgan“ bezeichnet wird – berichtete beispielsweise kürzlich, eine Studie der TU Dresden hätte ergeben, dass es doch zu einer Mehrheit für den Tunnel kommen könnte. Unter gewissen Bedingungen. Da ich mich für Denksportaufgaben durchaus interessiere, habe ich mir die Studie angesehen. Die Argumentation nachzuvollziehen, war wirklich nicht einfach, aber solche Herausforderungen liebe ich ja gerade. Beim Betrachten der bunten Balken ab Seite 11 hat man zunächst einmal das Gefühl, dass die Studie eigentlich zum Gegenteil der SZ-Aussage kommen müsste, denn bei vielen der Fragestellungen sind die höheren Balken meist bei der Antwort, die für die Brücke sind (S. 11, 14, 15, 16). Auf Seite 12 ist aber endlich die Lösung: Falls der Bund zusätzliche Mittel bereitstellt, zeigt sich hier endlich eine gewünschte Mehrheit. Eigentlich eine unsinnige Frage, denn solche Mittel stehen nicht zur Verfügung. Aber fragen kann man ja mal. Unser Bundestiefseeminister hatte zu Fördermitteln zwar einmal angedeutet, der Bund „könnte, „hätte“ und „vielleicht“… allerdings dementierte seine Pressesprecherin gleich wieder alles. Es gibt kein Geld für die Mehrkosten eines Tunnels. Da die Studie auch irgendwie zu dem Ergebnis kommt, „bildungsfernere Schichten“ seien mehrheitlich für die Brücke, könnte man diese Leute vielleicht noch mit motivieren, wenn man bei einer nächsten Studie fragt: „Wären Sie für den Tunnel, wenn’s dazu Freibier gibt?“ Seite 17 bestätigte übrigens die böse Unterstellung, Brückenbefürworter hätten keine Zeit, demonstrieren zu gehen, denn sie müssten ja arbeiten. Den Balken links mit den Senioren muss man sich dazu aber wegdenken.

Schade, ich hatte mich schon darauf eingestellt, dass Dresden die erste Stadt der Welt mit einer völkerrechtswidrigen Brücke sein wird. Coole Sache. Das hätte vielleicht Touristen angelockt! Aber nun gibt es eine gefühlte Mehrheit für den Tunnel. Die Brücke müssen wir jedenfalls sowieso zurück bauen. Das hat Prof. Marg kürzlich in ZDF.Umwelt erklärt: „Selbstverständlich können wir eine solche Fehlinvestition wie diese Fundamente oder diesen Mund zurückbauen, das müssen wir auch…“ Vorher erklärte er noch, warum diese Brücke dort überhaupt so fehl am Platz ist: „… wie gesagt, selbst die schönste Brücke stört das Elbtal …“ Moderatorin: „Warum?“ Prof. Marg: „Es ist wie bei der Stille. Wenn eine Stille unterbrochen wird, durch einen Knall, da kann der schönste Knall nichts daran ändern, dass die Stille kaputt ist.“ Nun frage ich mich schon eine Weile, wie ein „schönster Knall“ klingen könnte, aber wir wollen einmal nicht so spitzfindig sein. Zumindest ist es doch eine klare, schlüssige Begründung. Traurig ist, dass Prof. Marg nicht schon früher zu diesem Gedanken kam, aber man hat ihm ja auch ständig systematisch die Zeit gestohlen. Das gehörte alles zum Plan. Dauernd musste er Arbeiten für die Stadt übernehmen: 1997 musste er den Vorsitz des Wettbewerbs übernehmen, bei dem über die eingereichten Brückenentwürfe entschieden wurde. Dann schon wieder 2003 – da war er Vorsitzender des Preisgerichts, welches den bestgeeignetsten Tunnelmund für die Brücke auswählte. Es dauerte ja sicher auch jedesmal, ständig noch diese lobenden Texte für die Siegerentwürfe zu schreiben oder gegenzulesen, von wegen wie toll die sich in die Landschaft eingliedern und so… Da kommt man ja nie zu einem klaren Kopf!

Unterstrichen wurde das noch von Herrn Petzet, Leiter von ICOMOS (die für die UNESCO damals das Gutachten über die Welterbetauglichkeit des Elbtals schrieben). Er war zu Besuch hier und wirkte im Fernsehen etwas empört. Die Kommentatorin von Dresden Fernsehen fasste seine Äußerungen zusammen: „ICOMOS, so Petzet, hätte zwar von dem Brückenbau gewusst, das Ganze aber am Anfang nicht richtig wahrgenommen. Die Auswirkungen seien erst jetzt sichtbar.“ Damit fallen auch diese Vorwürfe von Tunnelgegnern wie ein Kartenhaus in sich zusammen, die ständig behaupten, der ICOMOS und damit auch der UNESCO sei die Brücke bekannt gewesen. Na und? Was hat das schon zu sagen? Es war ihnen nicht so bewusst, weil sich die Auswirkungen erst jetzt zeigen. Ist doch klar. Diese Bildchen und Modelle, die die Vertreter damals hier sahen, waren ja viel kleiner als in der Realität. Und als sie damals vor Ort waren, stand da auch noch keine Brücke. Wie soll man sich das dann mit einer solchen vorstellen? Da finde ich es schon richtig, dass die Stadt nun einen Schritt auf die UNESCO zu gehen soll, wenn deren Mitarbeiter so überfordert sind.

Wir haben in Dresden inzwischen auch zwei schöne neue Verschwörungstheorien. Die eine kommt von den Brückengegnern und lautet: Der Stadt war von Beginn an bekannt, dass ein Tunnel die bessere Lösung ist. Denn sie ließ eine Tunnelstudie anfertigen, die dann aber in der Schublade verschwand und geheim gehalten wurde. Schöne Überlegung, aber die bewusste Studie entstand in den 90ern nur zu dem Zweck, zu untersuchen, ob ein Tunnel dort überhaupt machbar wäre. Und ob er Vorteile gegenüber Brücken hätte. Man befand, dass es nicht so sei. Danach wurde die Studie natürlich nicht mehr gebraucht und sicherlich in einer Schublade verschlossen. Schließlich hatte sie genug Geld gekostet und wenn sie unter der Büropflanze wieder gefunden worden wäre, hätten sich andere darüber aufgeregt. Aber laut Gerücht wurde sie systematisch geheim gehalten. Die andere Verschwörungstheorie stammt von den Tunnelgegnern und entstand dadurch, dass Prof. Blobel auf dem Dresdner Neumarkt ein Gebäude errichten will. Angeblich hat er das Grundstück zu einem sehr überhöhten Preis gekauft. Was will Blobel am Neumarkt? Prof. Blobel hat ja damals den Weltkulturerbestatus des Elbtals leichtfertig aufs Spiel gesetzt, er und seine Freunde sind letztlich die Urheber des Dilemmas. Und da er in der „Welt“ kürzlich erklärte: „Ich werfe mich mit allem, was ich habe, in diese Schlacht.“, ist nun bei einigen Leuten Skepsis ausgebrochen. Aber vielleicht will er damit nur das geplante Gewandhaus verhindern, was teilweise auf dem gekauften Grundstück stehen würde. Denn dieses Gebäude ist ihm genauso verhasst wie die Brücke. Blobel bringt es in dem „Welt“-Interview jedenfalls auf den Punkt, was passieren wird, wenn die Waldschlößchenbrücke eines Tages eröffnet würde: „Der Lärm wird das ganze Tal erfüllen. Wo wollen Sie noch sitzen? Wollen Sie zum Picknick unter die Brücke? Keine Spaziergänge mehr, keine Erholung, keine Aussicht, keine Landschaft.“

Keine Landschaft mehr. Sagte ich ja schon zu Beginn.

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