Days of enhanced Stress

Auf Arbeit sind wir zurzeit voll mit dem Umzug beschäftigt. Wenn man von 3 auf 2 Etagen umziehen muss, entsteht leider etwas Betriebsamkeit. Tagelang trugen gefühlte 100 Praktikanten Schränke und Tische durch die Gegend. Selbst ich musste meinen Platz räumen, bekam dafür aber einen eigenen Raum zugeteilt. Naja fast eigen, denn manchmal sitzt Micha mit drin, der aber immer, wenn das Internet nicht perfekt läuft (und das kann ich als Admin leicht steuern) sofort sagt: „Ach, da mache ich das zu Hause weiter!“ Und weg ist er. Und dann mache ich sofort wieder Musik an, zu Beispiel heute vom Esbjörn Svensson Trio. Herr Svensson ist leider am 14.6. gestorben (beim Tauchen ertrunken), was ein herber Verlust für die Jazzwelt ist. Doch ich schweife ab. Wo war ich?

Ähm… ach ja: Praktikanten, die Schränke schleppen. Wir können in unserem neuen Raum immerhin die Tür zu machen, wenn uns der Anblick vorbeiächzender arbeitenden Menschen zu sehr stört. Das ist ein Vorteil. Manchmal kommt aber doch irgendwer herein: „Kann ich die Kiste hier abstellen?“ „Nein, natürlich nicht! Hier steht doch schon mein Fahrrad.“ Außerdem bekäme die Büropflanze so noch weniger Licht. Oder: „Ist das hier Elektroschrott?“ „Nee, das ist der Grafikrechner.“ So kann ich nicht arbeiten.

So ein eigener Raum hat schon seinen Vorteil, vor allem wenn er gleich rechts hinter dem Haupteingang ist. So muss der Postbote nicht mehr so weit laufen, wenn er mir die täglichen Pakete von Amazon bringt. Ich habe nun auch einen extra Stuhl für Menschen, die Fragen an den Techniker stellen möchten. Das sei so ähnlich wie beim Arzt, meinte Maria kürzlich, als ich ihr erklärte, warum die Grafik ihres Rechners nach der Neuinstallation wahrscheinlich so ruckelig sei. (Grafiktreiber vergessen – Frauen und Technik…)

Der Nachteil der Sache ist natürlich: Ich bin ziemlich abgeschnitten von unseren Studionutzern. Früher war mein Platz direkt neben dem umkämpftesten Arbeitsplatz (dem mit Internetzugang), wo sich dann auch das gesamte Leben abspielte. So ergaben sich immer mal intellektuelle Gespräche mit den Leuten, z.B. mit Steini (was ich sehr vermisse). Und ich bekam mit, was unsere Menschen so beschäftigt. Andererseits ist genau vor unserem vergitterten Fenster (wir sollten „nicht füttern!“ draußen dran schreiben, dann steckt uns bestimmt bald jemand Brötchen durch)… also, genau vor unserem Fenster ist die Raucherinsel. Insofern bekommen wir sogar noch mehr mit als früher, denn hier trifft sich das gesamte Haus. Und so benötigen wir – im Gegensatz zur Telekom – auch gar keine Elektronik, um etwas abzuhören. Das Problem ist, dass nun wiederum der gesamte Zigarettenrauch zu uns hereinweht. Eigentlich ist das nicht schlecht, denn wenn mal niemand da draußen spricht, so riecht man es zumindest noch: Du bist nicht allein! Menschen sind bei dir! Aber genau dieser Geruch ist schon schlecht, weil ich gar nicht passiv rauchen möchte. Man kommt sich dann immer vor wie ein Schmarotzer. Na, jedenfalls wägen wir dauernd ab zwischen atembarer Luft und Information. Fenster auf, Fenster zu. So bewegt man sich wenigstens ab und zu. Andererseits hat das aber auch endlose Gedankenketten zur Folge: Beleidige ich möglicherweise einen Mitmenschen, wenn ich das Fenster bei ihm schließe? Halte ich sein Gesprächsthema für nicht wertvoll genug? Deshalb lassen wir das Fenster auch manchmal demonstrativ offen und husten dann still vor uns hin.

Die Lösung für dieses Problem bestand in einer Webcam und einem Mikrofon hinter dem Fenster. So erfassen wir alle Personen, ihre Gespräche und können sie statistisch auswerten. Männer mit Bart, die „Bombe“ oder „Präsident“ sagen, werden irgendwie noch gesondert auf einem Server gespeichert. Das war in der freeware so eingestellt, keine Ahnung, wo. Stört aber auch nicht. So können wir jedenfalls über unsere Datenbank genau ermitteln, wer schon wie oft was gesagt hat. Im Zweifelsfall können wir nun immer nachweisen, dass wir das Recht haben, bei Person X das Fenster zu schließen weil wir das Thema schon 3x gehört haben, sie soll gefälligst nicht beleidigt sein und sich lieber was neues einfallen lassen.

Was ist eigentlich aus diesem Dicken geworden, der kürzlich draußen berichtete, er sei nun Präsident im Verein „Arschbombe e.V.“? Den habe ich schon seit Tagen nicht mehr gesehen …

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