Überlegungen auf dem Weg zur Arbeit

Selbstverständlich bin ich früh bei der Fahrt ins Studio geistig bereits dort und gehe den Tagesablauf schon einmal durch. Was könnte ich heute machen? Vielleicht alle Kabel neu beschriften, um ein neues Inventarisierungssystem zu testen? Oder spontan alle Rechner auf Linux umstellen? Oder noch besser: Sauber machen?

Seit Tagen werde ich leider ständig von solch wichtigen Überlegungen abgelenkt, weil überall am Weg informative Plakate hängen. Denn wir haben bald OB-Wahl. Schon wieder? Braucht man überhaupt einen Oberbürgermeister? Momentan läuft’s doch in Dresden sehr gut ohne einen. Unserer ist suspendiert und vor Gericht, sein von uns nicht gewählter Stellvertreter macht den Job ersatzweise anscheinend auch halbwegs ordentlich. Und wenn es schon einen geben muss – könnte man den nicht auch über das mittlerweile übliche Casting-Verfahren ermitteln? Auf jeden Fall muss ich mich nun wohl auch noch mit diesem Thema beschäftigen, denn ich gehöre momentan zu den angeblich etwa 70% unentschlossenen Wählern. Gerade fahre ich am Plakat vom FDP-Kandidaten vorbei, Dirk Hilbert. Hat früher schon als Risiko-Manager bei der berühmten Cargolifter AG gearbeitet, was ihn so für mich schon einmal zum kompetentesten Kandidaten macht. Doch da kommt das Plakat von Michael Winkler in Sicht. Parteilos, er tritt an, weil er angesichts der sonstigen Kandidaten unentschlossen war und es gern selbst machen würde. Flucht nach vorn. Finde ich nicht übel. Er will zum Beispiel dafür sorgen, dass der Humor in der Politik nicht zu kurz kommt, was ich ebenfalls nicht schlecht finde. Sonstige Inhalte und Programme werden noch folgen, kann man auf seiner Internetseite lesen. Man muss ja nicht alles so überstürzen. Doch weiter geht’s. Und wen haben wir denn da? Peter Lames von der SPD. Mit Klarinette abgebildet, weil er immer den richtigen Ton trifft. Endlich einmal eine klare Wahlaussage! Aber hatte nicht auch Hilbert die ultimative Aussage? „Ein Dresdner für Dresden“ – genau! Denn Lames und der Herr Sühl von den Linken sind gar nicht von hier. Die beiden sind aus’m Westen. Das geht natürlich nicht. Oder doch? Mir wäre das egal. Als Auswärtiger könnte man einige Dinge vielleicht etwas neutraler angehen. Doch wo bleibt eigentlich ein Plakat der CDU?

Die braucht keine Plakate aufzuhängen, weil sie ohnehin gewinnt. Es ist im Prinzip Zeitverschwendung, sich überhaupt damit zu befassen, welcher Kandidat welche Erfahrungen, Fähigkeiten, Kenntnisse usw. hat. Letztlich hängt doch alles nur von der Positionierung der Kandidaten zur Brücke ab. Und da etwa 2/3 der Dresdner für den Bau zu sein scheinen, teilen sich die drei klaren Gegen-Parteien in das restliche Drittel. Taktisch sehr klug. Gut – man könnte sagen, die wären wenigstens ehrlich und stünden zu ihren Positionen. Doch was soll das in dieser absehbaren Situation bringen? Bei der letzten OB-Wahl haben dieselben Parteien auch taktiert und gemeinsame Sache gemacht, um gegen die Opposition zu bestehen. Was ja eine eigene Geschichte ist. Nein, sie sind selbst schuld, wenn sie verlieren. Unser nächster Ober-Bürgermeister wird eine Frau sein und Orosz heißen. Kenntnisse baucht sie keine. Sie darf jetzt einfach nur bis zur Wahl nicht negativ auffallen. Sie sollte sich z.B. nicht mit Dekolleté zeigen.

Ach, da ist ja auch endlich ein Plakat mit Frau Jähnigen von den Grünen! Die ist für mich der verkörperte Optimismus. Auf ihrer Internetseite steht „Eva Jähnigen ist Herausforderin Nr.1“. Womit sie Recht hat, denn laut einer Umfrage von Dresden Fernsehen („Welchem Kandidaten würden Sie Ihre Stimme geben, wenn am So OB-Wahl wäre?) liegt sie direkt hinter Frau Orosz. Mit nur geringem Abstand: Orosz 66%, Jähnigen 10%.

Wo bleiben eigentlich Plakate von Friedrich Boltz von der Bürgerliste? Der kandidiert doch auch. Nirgends ein Plakat. Tja, da muss ich meine Arbeitspläne wohl über den Haufen werfen und stattdessen zunächst etwas googeln. Auf seiner Internetseite kann man seine Beweggründe nachlesen. Viel ausführlicher wird dort aber erklärt, was denn nun eigentlich der Unterschied ist zwischen den vier wichtigsten Dresdner Bürgergruppierungen „BürgerListe, Freie Bürger, Bürgerfraktion, Bürger für Dresden“. Hm. So ganz klar wird es dann aber doch nicht, schon gar nicht in dem Abschnitt, wo es um das Verhalten Herrn Kaboths geht, der mittendrin die Fronten gewechselt hat. Das ganze erinnert letztlich sehr an die Sache mit der Judäischen Volksfront (oder war es die Volksfront Judäas?) aus „Das Leben des Brian“.

Im Übrigen ist die Erwähnung dieses Filmes hier gar nicht so unpassend. Denn im Unterschied zu einer Bundestagswahl macht man bei einer OB-Wahl (und auch bei einem Bürgerentscheid) nur ein Kreuz. Und woran erinnert uns das? Na klar. Auch an diesen Film: „Zur Kreuzigung? Hier entlang. Jeder bitte nur ein Kreuz!“

3 Kommentare:

  1. Habe den Artikel erst durch Wiedererwähnung durch dich entdeckt.
    Ich bin über den Satz „Doch da kommt das Plakat von Michael Winkler in Sicht. „ gestolpert.

    Zur Info – ich habe nie Plakate aufgehangen. Was bei dir in Sicht gekommen sein könnte, war vielleicht ein Plakat der CDU, auf dem ein „Scherzkeks“ eine äußerst grob gepixelte, aus dem Internet downgeloadete Graphik (das Bild von der Startseite mit „wahnsinnigen“ 4 kB oder so ;)) drüber geklebt hatte. Das ganze geschah ohne mein Wissen, doch am nächsten Tag – ich stand vorm Rathaus ohne zu wissen, dass in der halben Stadt Plakate überklebt worden waren – kam CDU-Stadtrat Patrick S. wutentbrannt auf mich zu und schmiss mir – vorm Rathaus – einen Beutel mit abgeweichten A4-Blättern hin, mit den Worten: „Das warst du.“ 🙂
    Mich hat’s fast weggehauen hinterher … ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Patrick S. die Plakate aufgehangen hatte, was seine Wut erklärte. Ich schaute mir die Plakate an und fragte ihn, ob er mich für so blöd hält, dass ich eine derart miese Graphik von mir drüber kleben würde oder drüber kleben lassen würde.

    Witzigerweise stand ein Journalist von der MoPo neben uns, beobachtete die Szene 😉

    Naja, ich habe Patrick S. dann auf einen Kaffee einladen wollen, damit der ein bisschen runterkommt … ich konnte seine Aufregung ja verstehen, doch er hatte das den Falschen erwischt.
    Naja, Patrick lehnte den Kaffee mit den Worten „Mit dir trinke ich keinen Kaffee ab“, fragte mich nach der Größe des Dresdner Haushaltes, um mein Wissen über die Stadt Dresden zu checken (offenbar um mir indirekt sagen zu wollen, dass ich keine Ahnung hätte und auch gar nicht OB werden könnte ;)) … und im Laufe des Tages war er noch so nett, mir eine Strafanzeige wegen Sachbeschädigung zu „besorgen“ 😉
    Zu seiner Verteidigung sollte ich sagen, dass sie nicht von ihm direkt kam, sondern vom CDU-Kreisverband – es kann also auch ein anderer gewesen sein, der mich angezeigt hat. Naja, die Formalie muss schon eingehalten werden 😉

    Soweit nur eine Geschichte aus dieser Zeit … was ich da in zwei Wochen erlebt habe, war stellenweise haarsträubend … mit der Stadtverwaltung und einigen Kandidaten. Vielleicht wird’s mal’n Buch … so kurz vor der nächsten OB-Wahl 😉

  2. Aha, interessant! Da muss dieser „Scherzkeks“ aber sehr engagiert gewesen sein – sowas macht immerhin doch etwas Arbeit. Dass da eine Strafanzeige kam, ist natürlich Mist. Musstest Du da am Ende noch etwas zahlen?

  3. Ich wurde einen Monat später auf der Polizei befragt und da ich dazu nicht sagen konnte, wurde das Verfahren einige Wochen (oder Monate?) später eingestellt.
    Passiert ist in dem Sinne nichts, doch man könnte sich das ganze sparen, indem die CDU-Verantwortlichen mich direkt befragen … doch naja, offenbar war es denen zu blöd zuzugeben, dass es ziemlich blöd ist, dass ich so etwas Blödes auch noch selbst mache 😉
    Ich meine, wenn jemand drüber schreibt „CDU ist blöd“, dann kann ich ja verstehen, dass man sauer wäre … auch wenn es schwer wäre en Täter zu ermitteln 🙂

    Doch ein Bild von mir – direkt auf dem Poster (Helma Orosz’s ersten Plakaten waren nur orange, ohne Bild … das kam dann erst 14 Tage vor der Wahl) … ich meine, da müsste ich schon extrem dreist und verwegen sein, um eine Anzeige zu riskieren … und wenn ich so etwas mache, dann doch bitte schon mit einem ordentlichen Bild, so dass es wenigstens einigermaßen professionell aussieht und nicht mit einer Graphik von 84 mal 120 Pixel, auf A$ gezogen 😉

    Näheres habe ich damals auch hier geschrieben:
    http://ob-winkler.com/seiten/presse_20080507.htm
    &
    http://ob-winkler.com/seiten/krisenmanagement.htm

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