Alkohol am Arbeitsplatz!

„Ach – jetzt noch ein Eis! Hä, was meint Ihr? Da müsste noch bissel Apfelmus im Kühlschrank stehen…“ Sowas kann man bei uns nach dem Mittagessen gelegentlich hören. Ich warnte die anwesenden Frauen noch, im Eis seien aber gefährliche Kalorien, doch nun waren schon alle infiziert. „Mit Apfelmus – das nennt man doch schwedischen Eisbecher, oder?“, fragte Harald. „Schwedeneisbecher“, korrigierte ich ihn in meiner typischen besserwisserischen Art. Micha war inzwischen bereits aufgestanden, um bei ALDI Vanilleeis zu holen. „In einen richtigen Schwedeneisbecher gehört aber auch Eierlikör mit hinein“, erklärte ich, „bring‘ mal welchen mit!“ Nun, da konnte er schlecht nein sagen. Immerhin will er gelegentlich einmal wieder das Notebook ausleihen, und insofern ist eine gewisse Abhängigkeit unserer Nutzer von uns gar nicht so schlecht.

Aber: Mit Eierlikör? Das ist doch 1. nur was für Frauen (habe ich zumindest irgendwo gelesen) und 2. wäre das ja Alkohol in der Arbeitszeit. Geht das? Nicht dass der Chef uns dann wieder erwischt weil er gerade mit Besuchern hereinkommt, denen er das Studio zeigen will. Das wäre nicht das erste Mal. Und das ist immer ziemlich peinlich. Vor allem, wenn die Flaschen bereits leer sind und für die Besucher nichts mehr übrig ist. Aber für diese Frage „darf man in der Arbeitszeit Alkohol trinken?“ habe ich immer eine klare Antwort. Als Anfang oder Mitte der 90er die Diskussion aufkam, ob man in Deutschland nicht die Null-Promille-Grenze einführen sollte, begab es sich, dass Helmut Kohl von Journalisten dazu nach seiner Meinung befragt wurde. „Was? Null Promille? Da kann man ja mittags nicht einmal mehr ein Bier trinken!“ meinte er darauf spontan. Auch wenn ich ihn nicht gewählt hatte, empfand ich das wenigstens einmal als klare Aussage. Und manchmal muss man auch dem politischen Gegner Recht geben. Man darf also laut Kohl mittags durchaus den Pegel auffrischen. Wer mir jetzt vorwirft, dass ich mir hiermit nur die wenigen Rosinen aus 16 Jahren Kohl herauspicke: Ich würde es eher als die Essenz betrachten. Das ist aber zugegebenermaßen ein Streitpunkt.

Alkohol an sich ist ja leider auch so ein Streitpunkt. An ihm zeigt sich die Doppelmoral in unserer Gesellschaft. Häufig genug wird man als Freund des gepflegten Tröpfchens noch sozial geächtet. Nur in wenigen Bereichen wird man anerkannt. Wenn ich beispielsweise zu Jacques‘ Weindepot gehe, werde ich freundlich begrüßt, man nimmt mir die abgegriffene Kundenkarte freudig aus der zittrigen Hand, gießt mir das obligatorische Probiergläschen extra voll, hält mir nachher die Tür auf und führt mich zum Fahrrad. So sollte es überall sein. Ist es aber nicht. Erst letztens im Getränkemarkt, als ich drei leere Bierflaschen abgab, da bemerkte ich, wie die Verkäuferin und ihr Chef so vorwurfsvoll in meine Richtung blickten. „Ich glaube, der trinkt!“, meinte sie. „Wir müssen wirklich darauf achten, was wir uns hier für eine Klientel hereinholen“, antwortete der Chef resigniert.

Naja, bei der bald anstehenden OB-Wahl weiß ich, welche Prämissen ich setze.

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