Wie ich einmal der Musikindustrie großen Schaden zufügte

Ja, das beschäftigt mich immer noch. Gerade jetzt kommt wieder alles hoch, weil die betreffende CD soeben imPlayer rotiert. Es ist so: Mein Arbeitsweg führt fast unmittelbar an einem kleinen Plattenladen vorbei, was für Leute wie mich ein ständiges Risiko bedeutet. Dummerweise herrschte gerade allgemeine Weihnachtsstimmung, der Glühweinduft vom Weihnachtsmarkt gegenüber muss mir wohl den Rest gegeben haben, jedenfalls betrat ich das „Sweetwater“ am Körnerplatz. Und im Second-hand-Fach fand ich „The love of hopeless causes“ der New Model Army. Hab ich natürlich gekauft. Das Problem dabei: Was hat die Musikindustrie nun eigenlich daran verdient? Gar nichts. Gut, der Händler hat etwas eingenomen. Aber das ist doch nur die letzte kleine Kette der Musikindustrie. Weder die Plattenfirma noch die Band haben einen Nutzen vom Verkauf gebrauchter CDs. Und man liest doch immer, wie schwer es die Musikindustrie hat. War mein Handeln insofern nicht unverantwortlich? Was erhebt mich eigentlich noch über den Rang eines schnöden Filesharers? Das macht mich jetzt ganz fertig.

Und dann – ein paar Tage später – ging das ja weiter. Meine Familie meckerte beim Catan-Spielen, ob wir denn dabei dauernd so komische Musik hören müssten? Ich versuchte zu erklären, Pink Floyd sei nicht komisch, sondern ein Klassiker, außerdem hörten wir soeben die allerneuste nochmal remasterte Multikanal-Version von SACD… und ob es ihnen etwa lieber sei, wenn ich stattdessen beispielsweise sowas wie die DJs Ötzi und Bobo spielen würde? In dem Moment kam mir ein brutaler Gedanke. Und seltsamerweise (ich habe keine Ahnung, wie das rein technisch passieren konnte) fand sich am Abend eine mp3-Datei auf meinem Notebook: „Party Megamix“ von Herrn Ötzi. Die Reaktion meiner Mitmenschen war verheerend, bei „Gemma Bier trinken“ musste ich doch schon vorzeitig die Stop-Funktion betätigen. Aber hat nicht auch das wieder massiven Schaden in der Musikindustrie verursacht? Selbst wenn ich die Datei längst gelöscht habe? Die letzten Aktieneinbrüche waren vielleicht meine Schuld. Ich denke, selbst wenn es nur zum Ärgern gedacht ist, sollte man die betreffende CD schon kaufen. Wegschmeißen kann man sie dann immer noch. Beim nächsten Mal halte ich mich daran. Ich stelle mir gerade vor, wie ich das „Sweetwater“ betrete und „Ich hätte gern eine CD von DJ Ötzi“ sage. In der sich ausbreitenden Stille im Laden braucht man dann wohl eine gehörige Portion Selbstbewusstsein.

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