Drehbuchautoren haben es schwer

Als ich am vorletzten Sonntag den „Tatort“ sah, wurde vorher ein kurzer Titel eingeblendet. Sinngemäß stand da: „Die Personen dieses Filmes sind fiktiv. Es ist nicht die Absicht… die Glaubensgemeinschaft der Aleviten … zu beleidigen (oder sowas in der Art)“. Als ich das las, dachte ich, meine Güte, muss man sich nun schon vorbeugend bei allen entschuldigen? Was sind denn überhaupt Aleviten? Da in meiner Reichweite immer mein PocketPC mit der gespeicherten Wikipedia -offline-Version liegt, sah ich nach und las, dass es – kurz gefasst eine etwas gemäßigtere Richtung des Islam darstellt. Aber das steht alles hier – muss ich nicht nochmal erklären. Im Film wurden die dann auch recht positiv dargestellt, und das fand ich recht sinnvoll angesichts des ständigen Der-Islam-ist-böse-Gequatsches in den Medien. Im Film kam übrigens heraus, dass der Vater einer alevitischen Familie seine Tochter missbraucht hatte.

Und nun sind in Köln 15000 Aleviten demonstrieren gegangen, weil ihre Ehre angeblich verletzt wurde. Dabei ist das völliger Unsinn. Grundsätzlich bin ich immer für Gleichberechtigung. Alle Menschen sind gleichberechtigt. Die Kehrseite davon ist aber genauso wichtig: Keiner kann für sich mehr Rechte beanspruchen als ein anderer*. Wieso soll also eine bestimmte Bevölkerungsgruppe von Witzen oder einer negativen Rolle im Krimi ausgenommen sein? In einer gleichberechtigten Gesellschaft muss so etwas auch auf alle Bevölkerungsgruppen gleich verteilt sein. Sicher muss man einer frisch eingewanderten Glaubensgemeinschaft einige Zeit der Anpassung zugestehen. Der muss man z.B. nicht sofort den Christopher-Street-Day vorführen. Da kann man sie langsam heranführen. Aber hier geht es um Leute, die schon seit zig Jahren hier leben. Und niemand soll sagen, Kindesmissbrauch oder ein beliebiger anderer Gesetztesbruch käme in seiner Glaubens-Gemeinschaft nicht vor. Das ist immer statistisch überall fast gleich verteilt. Der gezeigte Familienvater war gleichzeitig auch Bauarbeiter. Sollen nun auch alle Bauarbeiter Deutschlands oder Europas demonstrieren gehen wegen ihrer verletzten Ehre? Dass schon oft genug Tatorte kamen, in denen es auch um Kindesmissbrauch oder –misshandlung ging, in denen aber Deutsche die Täter waren, das haben die Demonstranten wohl übersehen?

Ich stelle mir das schwierig vor für die Drehbuchautoren: Wie besetzt man die negativen Rollen in den Filmen politisch korrekt? Religiös sollte er besser nicht sein, Ausländer (also Mensch mit Migrationshintergrund) besser auch nicht, Rentner (äh, Senior) besser auch nicht. Ach ja: Am besten auch kein Mann und keine Frau.

(* Sicher hat ein Rollstuhlfahrer in öffentlichen Gebäuden ein Recht auf Fahrstühle und Rampen statt Treppen. Das sind dann aber keine zusätzlichen Rechte, sondern sie sichern ihm lediglich wegen seiner Behinderung die gleichen Rechte wie den Treppengängern)

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