Political correctness

Ich saß wie auf Kohlen. Auf welchen, die vorher angezündet wurden, um es genauer zu spezifizieren. Die MeKuZeTuBe (also, die Dienstberatung) zog und zog sich. 16 Uhr war endlich Schluß. Und ich musste noch das Problem mit dem Neger im Tunnel lösen!

Heute Abend würde doch wieder Einführungskurs im Fernsehen sein. Und ich muss da immer die Kameras erklären, unter anderem auch das mit der Belichtung. Und dazu gehört, dass ich vor der bösen Belichtungsautomatik warne. Die nehmen wir nicht, wir machen alles manuell, weil die Automatik sich bei bestimmten Motiven bekanntlich täuschen kann. Und hier lauert das Problem: Wie erkläre ich das politisch korrekt? Ich könnte einfach sagen: Highkey- und lowkey-Belichtungen sind Problemfälle, aber das wisst Ihr ja… Doch so unterhalten sich nur Profis wie Alex, Gregor und ich im NPEG (Nikon Pictures Experts Group) – hier habe ich aber es leider mit Anfängern zu tun *nerv!*. Denen muss man alles etwas volkstümlicher beschreiben. Hellere Motive kann man noch gut erklären (Schneemann am Strand, Knut auf einem Eisbärenfell), aber welches Beispiel nimmt man bei dunkleren Motiven? Früher – also in den Dreißiger Jahren – nannte man einfach das Beispiel mit dem Neger im Tunnel. Aber das sagt man so nicht mehr. Ich nannte daher immer das Beispiel vom gleichberechtigten Bürger mit Migrationshintergrund und mit afrikanischen Vorfahren im Tunnel. Aber wieso eigentlich im Tunnel? Wer geht denn freiwillig in einen Tunnel? Höchstens dunkle Gestalten, aber da haben wir schon wieder dasselbe Problem. Und dann war in einem der letzten Kurse Djoudi, der nun tatsächlich aus Nordafrika kam. Knifflige Situation. Nicht aber für ihn, denn er erzählte mir in einer Kurspause, er käme aus Algerien, sei aber Berber. Die Algerier hasse er. Aber noch schlimmer, also wirklich das allerschlimmste seien die Türken. Nie, wirklich nie würde er einem Türken die Hand geben, oder auch nur ein Wort mit einem Türken wechseln. Denn die Türken hätten seinem Volk damals – vor mehreren hundert Jahren – schweres Unrecht zugefügt. Na, aber das sei doch nun schon ewig her, meinte ich vorsichtig, man könne doch nicht ewig… Doch!, entgegnete er, das liegt in meinem Blut! In meinem Blut, verstehst du?

Der hatte es einfach. Und zwar im Blut. Er machte sich nicht so viele Gedanken wegen der Formulierungen wie ich. Mit ihm konnte ich zwar nicht politisch korrekt diskutieren. Aber das mit den Türken war andererseits heute auch so ein Problem für mich. Da gibt es irgendwas mit den Menschenrechten, mit den Kurden, mit den Zwangsehen. Unterstütze ich das alles noch, wenn ich einen Döner esse? Ist es besser, wenn ich wenigstens einen vegetarischen nehme, weil Fleisch zu essen, ja wiederum irgendwie faschistisch ist? Fragt mich jetzt nicht nach der Beweisführung, es gibt eine.

Jedenfalls geht der Kurs bald los. Ich sehe am besten erst einmal in der Adressliste nach, ob jemand mit exotischem Namen eingetragen ist. Vielleicht ist diesmal ein Sinti und Roma dabei.

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