Medienkulturkurier, Ausgabe Nov. 2006

Im November fiebern die Dresdner wieder MB21 entgegen, denn diesmal wurde es erweitert um eine Ausstellung namens Cynetart. Ich war schon gespannt wie ein Flitzbogen! Ein Künstler hatte beispielsweise 1000 Daniel-Küblböck-CDs gekauft und die digital ausgelesenen zufälligen Fehler der Pressungen grafisch dargestellt. Interaktiv kann man mit diesem Bitmaterial über eine weboberfläche konsistente amorph balancierte Geflechte in neuronal vernetzten Räumen körperbezogener Bewußtseinsflächen reflektieren. Diesen Satz hat mir die Grammatikkontrolle von Word soeben rot markiert. Es ist ein Wahnsinn, wie interaktiv die Vernetzung von Autor, Kolummne und echtzeitbeschleunigter Rechtschreibupdatedownloadung bereits ist.
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Als Bert an diesem Tag von der Arbeit kam, verspürte er nur noch eins: Durst! Jetzt in die nächstbeste Kneipe und sich dort ordentlich einen ansaufen! Und das Schicksal meinte es gut mit ihm, denn gleich hinter der nächsten Straßenecke fand er etwas Passendes.

Bert steuerte zielgenau auf die Theke zu und kam ohne Umschweife direkt zum Kern seines Anliegens: „Ein Bier, und zwar ein möglichst großes!“ Vielleicht hätte er vor dem Betreten des Lokals doch einen Blick auf dessen Namen werfen sollen: Nicht jede Kneipe heißt: „Privatgelände. Draußen bleiben!“.

Langsam hob der stiernackige Wirt seinen kahlrasierten Schädel: „Für Typen wie dich gibt’s hier nix.“ Von hinten erhielt Bert einen Stoß. Die Ursache bestand in einem muskelbepackten männlichen Wesen, Typ Rocker, ca. 1,90m groß, der in seiner Freizeit wahrscheinlich Baumstammweitwurf machte. Auch die anderen Kneipenbesucher hatten sich erhoben und traten langsam und Spannung erzeugend auf Bert zu, der im Gegensatz zu ihnen übrigens deutlich schmächtig wirkte. Kurz entschlossen schlug Bert zu. Der Typ sackte zusammen und die anderen Rocker zuckten zurück. „Ich bin nämlich Kameramann!“, erklärte Bert. Ängstlich verzogen sich die anderen wieder an ihre Tische. Kurz darauf stand sein Bier auf der Theke.

„Ich warne euch – ich bin Kameramann!“ – ein Satz, der jahrzehntelang die härtesten Burschen in Angst versetzte und jede Dorffestprügelei im Keim erstickte… Logisch, dass man vor Kerlen Respekt hatte, von denen man wusste, dass sie jeden Tag zentnerschwere Kameras durch die Gegend trugen. Leider gehört nun auch das fast der Vergangenheit an. Und schuld daran sind die Japaner mit ihrem Miniaturisierungswahn. Mit MiniDV wird der natürlich gewachsene Respekt vor einer ganzen Berufsgruppe vernichtet.
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Wie kam das jetzt hierher? Was ich eigentlich sagen wollte: Das mit der Kleiderordnung im Medienkulturzentrum ist nun endlich geklärt. Sicher – es gab jede Menge Einwände. Griseldis meinte, sie sei doch keine 17 mehr, was wir durch ein ungläubiges „Sieht man dir aber gar nicht an…“ aus der Welt schaffen konnten. Harald wollte sich erst drücken und dachte, wir bemerken es nicht, wenn er sich in seinem Büro versteckt. „Wir haben es beschlossen, und nun wird’s auch durchgezogen“, erklärte Alex mit Nachdruck, während er an seinem Hosenbund nestelte. „Jaa, aber jetzt wird’s doch Herbst und kalt“… das hätte er gar nicht bedacht… Naja, da muss man nun auch konsequent sein. Die Damen gehen bitte bauchfrei und die Männer lassen hinten so die Unterhosen rausgucken. So wie früher die Bauarbeiter auf den Baustellen beim Bücken. Damals hat man sich noch lustig gemacht, nun ist es modern. Oder hip oder sowas.

Wir wollen schließlich ein junges, hippes (ach, das hatte ich schon!) Unternehmen sein. Da sollte man sich Trends nicht verschließen. Gut – es ist ungewohnt, wenn einem die Gesprächspartner nicht mehr ins Gesicht sehen, sondern weiter runter. Aber das wird. Ich muss nur noch eine gewaltarme Erziehungsmethode für meinen Sohn finden, um ihm dieses dämliche Grinsen auszutreiben, wenn ich heimkomme.

nov_christo

Der Aktionskünstler Christo hat wieder zugeschlagen! Nach der spektakulären Verhüllung des Reichstages mussten die Einwohner von Machern kürzlich feststellen, dass ihr Getränkemarkt über Nacht verhüllt wurde. Künstlerisch zweifellos sehr interessant, andererseits ist die Bierversorgung im Ort völlig zusammengebrochen. Muss sich Kunst solchen Banalitäten unterordnen?

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