Medienkulturkurier, Ausgabe März 2006

Leider muss ich sagen, dass sich im letzten Monat nicht viel Ungewöhnliches ereignet hat. Es gibt nichts, worüber man berichten könnte, wenn man mal von dem Amokläufer absieht, dem ich die Dateien gelöscht hatte. Insofern bin ich diesmal schnell fertig und als Leser muss man sich nicht so lange mit dieser inhaltsleeren Kolumne aufhalten. Andererseits könnte ich die Gelegenheit auch nutzen und einige philosophische Bemerkungen über das Nichts an sich loswerden. Also, das Nichts…

Nichts liegt uns ferner, als uns geistig immer nur auf Projekte, MPEG2-Codierungen und nichtabgewaschene Kaffeetassen zu beschränken. Nein – auch die Kunst gerät bei uns nicht ins Hintertreffen. Da Kunst bei uns ein hohes Gewicht hat überrascht es nicht, dass wir sie bevorzugt unten im Keller finden. Weiter oben im Projektbüro wird dann logischerweise auch nur über so leichtgewichtige, belanglose Sachen wie das neue Prince-Album geredet. Natürlich per Skype. Doch zurück in den Keller! Hier erwarten den Kunstfreund oft aktualisierte Ausstellungen und Klassik-Schulungen mit M. Hurshell. Die Attraktion in den letzten Wochen und Monaten war freilich die Installation der „Schlafenden Frau“. Nicht unumstritten, sorgte sie für diametral polarisierte Auffassungen. In ihrer Radikalität, in ihrer Substituierung disvirualisierter Prägnanz, der ständig ambivalenten Infragestellung gesellschaftlicher Avergenzen wurde diese Installation Auslöser für lange Diskussionen. Die „Schlafende Frau“ – jeden Tag wurde die Skulptur, die eine schlafende junge Frau darstellt, früh von Harald auf einen anderen Stuhl gesetzt und nachmittags entfernt. Nachdem nun schon oft überlegt wurde, ob dies nicht ein Projekt für die Cynetart sei (Thema Mensch in computerisierter, vernetzter Umgebung), wird es nun viele überraschen, dass dies gar keine Kunstaktion war. Es war auch keine Skulptur. Und auch Harald hatte überhaupt nichts damit zu tun. Nein, das war einfach ein echter Mensch. Der Ansatz des Sitzens wurde nur gründlich fehlinterpretiert. Der Mensch, der seine Zeit hier mit Bewegungslosigkeit überbrückte, hatte sogar einen Namen. Irgendwie so ähnlich wie unsere Maria Schmidt, nur anders. Jetzt ist sie jedenfalls nicht mehr hier. Sitzt sicher irgendwo anders herum.

Dieter Nuhr hat ja bereits darauf hingewiesen, dass die Menschen oft die unglaublichsten Dinge tun, um ihre Lebenszeit zu überbrücken. Nur so dasitzen und warten, bis es vorbei ist, ist dabei ziemlich konsequent. Ich denke, es war doch eine Performance.

Womit man übrigens auch komplette Arbeitstage überbrücken kann, ist Skype. Im Projektbüro kann man das gut beobachten: Menschen sitzen sich gegenüber, haben aber Computer zwischen sich geschoben und skypen sich nun Sachen zu – entweder im Textmodus („Chat“, wie Insider auch sagen) oder übers headset. Gut, man könnte die PCs auch wegschieben und sich dann ganz normal unterhalten. Aber wo bleibt da das Coole an der Kommunikation? Außerdem geht das auch gar nicht mehr. Wie soll man beispielsweise 😉 verbal ausdrücken? Oder ROFL? Oder tHx, c u l8er und so was?

Um den Vorteil von Skype im innerbetrieblichen Alltag besser darzustellen, hier ein kurzer Chatauszug:

Alex:     hast du eigentlich schon die neue prince cd als mp3?
Ich:         ja
Alex:     kannsch das ma ham?
Ich:         Ich dachte, Prince interessiert dich nicht so, deshalb habe ich es nicht erwähnt.
Ich bringe es morgen mit
Alex:     ich hab AAALLLLEEEE prince alben

Ich:          1999 und purple rain habe ich (letztere doch auch als LP, leider nur polnische  Pressung).
Alex:     eingeschmuggelt zusammen mit zigaretten? hab ich als cd, gehört eigentlich in jede gut sortierte cd sammlung … kann ich ja mal mitbringen, wo hast de denn nun die neue prince, wir werden schon alle ungeduldig hier oben, zappelig, agressiv(dance)
Ich:        Na, ich habe doch gesagt: Morgen. Ich habe meinen MP§-Player heute nicht mit.
Alex:     ach soooooo, habsch nicht aufgepasst
Ich:          Ha, „MP§-Player“ war jetzt ein Schreibfehler, aber irgendwie trifft es auch wieder zu. Bei den typischen Inhalten…
Alex:     der ist  gut (clap)

Die an diesem Gespräch beteiligten Mitarbeiter sollen mir ja nicht herumjammern, sie hätten zuviel zu tun und wüssten gar nicht, wie sie das alles schaffen sollen!

Komischerweise kommunizieren die Leute zwar immer mehr über Computer, andererseits sprechen auch viele Menschen mit ihren Computern. Kann man im SAEK prima beobachten, da hört man ständig Monologe wie: „… was machter’n jetzt? … Ooooch, das dauert … nu komm endlich! … Hä? … Ach sooo, aaaah …“ Na und so weiter. Man muss nicht unbedingt einen Hund kaufen, wenn man im hohen Alter vereinsamt und kinderlos ist und wenn man dann jemanden zum Reden braucht. Ein PC tut’s auch. Der braucht noch nicht mal Gassi geführt werden.

Nun aber zu etwas völlig anderem. Aus den im SAEK herumliegenden Zeitungen entnahm ich in letzter Zeit immer öfter, dass unsere amerikanischen Freunde im Irak angeblich Folterungen durchführten. Ich denke, hier wird von der Presse auch viel übertrieben. Wahrscheinlich haben die Soldaten einfach nur nicht gewusst, dass man das nicht tut. Wenn’s einem vorher niemand erklärt… Ich habe das ja die letzten Jahre auch nicht anders gemacht – wenn ein Nutzer die Kamera zurückbrachte und die Akkus nicht voll geladen waren… Ja, da konnte es schon mal passieren, dass er gegen die lockere Steckdose neben der Tür stolperte. So ein kleiner Stromstoß hat noch niemandem geschadet. Und man hofft ja dann auch auf einen gewissen Lerneffekt. Strom – Akku – da müsste man doch irgendwann von selbst darauf kommen, oder? Nun gut, ich wusste nicht, dass der Mann letztens einen Herzschrittmacher trug. Man kann nicht alles wissen. Harald hat mir  dann jedenfalls erklärt, dass man so etwas nicht macht. Wird also nicht wieder vorkommen.

Zum Abschluss aus gegebenem Anlass noch ein Foto, welches uns zeigt, dass auch außerhalb des Medienkulturzentrums gelegentlich etwas passiert:

Zynismus pur: Während unten im Tal Dresdnern die Keller vollaufen, wartet der Fotograf oben am Hang auf die perfekte Lichtwirkung.

Zynismus pur: Während unten im Tal Dresdnern die Keller vollaufen, wartet der Fotograf oben am Hang auf die perfekte Lichtwirkung.

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