Liebes Tagebuch,

Heute hatten wir Besuch von einem lieben alten Gast. Da der Datenschutz auch um uns keinen Bogen schlägt, nennen wir ihn mal Herrn Meier. Herr Meier ist von Beruf Senior, hat also viel Zeit und macht also auch Video. Glücklicherweise nicht mehr bei uns, sondern daheim im Hobbykeller am Seniorenschnittsystem Casablanca. Nun begab es sich aber, dass er sein Lebenswerk auf CD-ROM bannen wollte, was wir ihm auch anboten. Als er dann kam, wollte er es plötzlich auf DVD, was wir ja gar nicht machen konnten, also hatten wir an dem Tag viel Spaß miteinander. Nur CD… da müsse er er nochmal überlegen. Das hat uns nicht weiter gestört, denn bei ihm kann man einen interessanten Effekt studieren: Wenn er  weiter weg geht, erscheint er einem nicht nur immer kleiner sondern auch immer sympathischer. Der hört einem nie zu, quatscht ständig rein, weiß alles besser und ist der wichtigste Mensch der Welt. Und hat keine Ahnung. Eine Woche später hatte er sich das mit der CD jedenfalls überlegt, leider besaßen wir nun doch einen DVD- Brenner (Mediamarkt, Sonderangebot, +RW/+R), was Jørgen unvorsichtigerweise erwähnte. Ich sagte noch, naja – ich habe mich aber noch gar nicht mit dem Zeug befassen können, ich kann nicht sagen, wie lange es dauert. Wollen wir nicht bei MPEG4 auf CD bleiben? Das kann ich vom Aufwand her abschätzen… Nee, DVD musste es sein. Na, von mir aus.

Am nächsten Morgen stand Herr Meier vor der Tür und wollte seine DVD’s abholen. Ich hatte aber erst eine fertig und war auch nicht da, weil ich mit 2 Jungs der Schillerschule in Loschwitz filmen war. So ganz nebenbei: Die beiden zeigten mir einen Trick mit gefaltetem Papier, durch den man den Aufzug zum Aussichtsplateau der Dresdner Schwebebahn umsonst nutzen kann. Aber das ist typisch für Kleingeister wie mich: Solche Banalitäten erwähne ich hier, aber die wesentlichen Dinge – wie Herrn Meiers Filme – werden nur am Rande abgehakt. Jedenfalls machte der ein Riesen-Fass auf, als zwar er aber seine DVD’s nur zu 25% und ich gar nicht da waren. Denn er hatte schon alles organisiert: Den Kurier, der die Werke heute noch nach München zur BAVARIA bringen sollte. Schließlich wollten die sein Material weiter verwerten (die sind da voll interessiert). Sind ja immerhin wertvolle historische Aufnahmen mit enthalten.

Man muss sich den Filminhalt so vorstellen: Es geht um ein Klassentreffen (ur)alter Schulkameraden, für das Herr Meier lange altes Material – Fotos, alte Schulhefte und so – zusammengetragen hat und dies alles abgefilmt hat. Als echter Cineast und Wim-Wenders-Fan: In laaaangen Einstellungen. Der erste Film geht 80 Minuten. Es wurden alle Überblend- und sonstigen Effekte eingebaut, die Casablanca so bietet. Wenn man die aufmunternde Collage Seite für Seite abgefilmter Schulhefte endlich überstanden hat und denkt: Na, geschafft. Endlich an die Bar, beziehungsweise ins Sauerstoffzelt, dann hat Herr Meier noch ein Schmeckerchen vorbereitet: Teil 2. Auch 80 min. Danach kommt nur noch Teil 3 (nur 60 min durch rasantere Schnittfolge) und Teil 4.

Ein Klassentreffen, was bleibende Eindrücke hinterlässt. Und an dem die BAVARIA sehr interessiert ist.

Jedenfalls hatte ich viel Spaß mit Herrn Meier, als ich ihm erklärte, weshalb das nicht so fix geht. Als er raus war, griff ich spontan zu einer (zufällig) auf dem Tisch stehenden Flasche Weißwein und genehmigte mir einen. Wie ich feststellte, hatte ich passenderweise die Sorte Meier-Turgau erwischt.

Wolle meinte nachher, es sei doch immer noch besser, wenn Senioren im Hobbykeller end- und sinnlose Filme zusammenschneiden, als wenn sie uns jüngere Generation in der Zeit z.B. mit Geschichten belästigen würden, wie schön es im Krieg gewesen sei.

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